Autismusrezidiv in Risikofamilien: Rolle pränataler Mikronährstoffe

Autismusrezidiv in Risikofamilien: Rolle pränataler Mikronährstoffe

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Zum ersten Mal wird mit der vorliegenden epidemiologischen Studie1 gezeigt, dass sich bei pränataler Anwendung von Vitaminen speziell im ersten Monat der Schwangerschaft das Risiko einer Autismus-Spektrum-Störung bei jüngeren Geschwistern von bereits an Autismus erkrankten Kindern (Risikofamilien) das Autismusrisiko verringern lässt. Diese Ergebnisse könnten einen bedeutenden Einfluss auf die Empfehlungen für betroffene Familien haben. Zu untersuchende Aspekte in künftigen Studien sollten die speziellen Mikronährstoffe in Supplementen oder Lebensmitteln, die Gesamtqualität der Kost sowie Dosisgrenzwerte, Interaktionen zwischen Nährstoffen und genetischen Variablen oder die möglichen Wirkungsmechanismen sein.

Hintergrund

Nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen geht die Anwendung von Folsäuresupplementen bei Schwangeren mit einem verminderten Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen (ASD, autism spectrum disorders) bei den Kindern einher. Bisher wurde allerdings noch in keiner Studie der Zusammenhang im Rahmen der ASD-Rezidive in Familien mit hohem Autismusrisiko untersucht.

Daher wurden in dieser prospektiven Kohortenstudie Daten aus einer Stichprobe von Kindern (n=332) und ihren Müttern (n=305) analysiert, die in der Studie MARBLES (Markers of Autism Risk in Babies: Learning Early Signs) erfasst worden waren. Diese Studienteilnehmer waren am MIND Institute der Universität California, Davis, rekrutiert worden und stammten in der Hauptsache aus Familien, die Dienste für ASD-Kinder in der kalifornischen Abteilung für Entwicklungsdienste erhielten. In dieser Stichprobe trugen die jüngeren Geschwister (Geburten Dezember 2006 bis Juni 2015) ein hohes ASD-Risiko. Über sie lag eine abschließende klinische Beurteilung in den 6 Monaten ab dem 3. Lebensjahr vor. Die pränatale Verwendung von Vitaminen in der Schwangerschaft wurde in Telefonbefragungen der Mütter ermittelt, die Datenanalyse für die vorliegende Studie erfolgte von Januar 2017 bis Dezember 2018.

Autismus-Spektrum-Störung, sonstige Entwicklungsstörung (atypische Entwicklung, AE) und typische Entwicklung (TE) wurden anhand von Algorithmen nach dem Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS) und Subskalen der Mullen Scales of Early Learning (MSEL) bewertet. Kinder mit einer AE zeigen niedrigere MSEL-Werte, erhöhte ADOS-Werte oder beides. TE-Kinder haben normale Ergebnisse bei den genannten Skalen, insbesondere liegen die ADOS-Werte mindestens 3 Punkte unterhalb des Grenzwerts für eine ASD. Kinder mit ASD-Diagnose zeigen Punktwerte oberhalb des definierten Grenzwerts und erfüllen die Kriterien einer ASD nach DSM-5.a,3

Ergebnisse

Nach dem Ausschluss von Fällen, wie kurzes Gestationsalter bei der Geburt oder Frühgeburten, unvollständige klinische Daten oder Bewertung außerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens, umfasste die endgültige Probandengruppe 241 jüngere Geschwister von ASD-Kindern, davon 140 (58,1%) männlich und 101 (41,9%) weiblich (Durchschnittsalter 36,5 (± 1,6)) Monate. Der Großteil der Mütter (231, 95,9%) berichtete über die pränatale Anwendung von Vitaminen in der Schwangerschaft, und nur 87 Mütter (36,1%) von ihnen erfüllten die Empfehlungen für die Zufuhr von Vitaminen in den 6 Monaten vor dem Schwangerschaftseintritt.2

Die Prävalenz der ASD betrug 14,1% (18) bei Kindern, deren Mütter pränatal im ersten Monat der Schwangerschaft Vitamine genommen hatten, verglichen mit 32,7% (37) bei Kindern, deren Mütter in der Zeit keine Vitamine genommen hatten – ein statistisch signifikanter Unterschied (p=0,003). Kinder, deren Mütter in der genannten Zeit Vitamine genommen hatten, verglichen mit solchen, deren Mütter pränatal keine Vitamine genommen hatten, erhielten mit geringerer Wahrscheinlichkeit die Diagnose einer ASD (korrigiertes relatives Risiko [RRkorr] 0,50, 95%-KI 0,30–0,81). Die Differenz im Hinblick auf die AE nach 36 Monaten (RRkorr 1,14, 95%-KI 0,75–1,75) erreichte keine statistische Signifikanz.

Kinder in der Gruppe mit pränataler Vitaminsupplementierung wiesen auch einen statistisch signifikant geringeren Schweregrad der Autismussymptome (Differenz -0,60) und eine bessere kognitive Funktion (7,1, 95%-KI 1,2–13,1) anhand der MSEL auf.

Zusammenfassung

Die pränatale Supplementierung von Vitaminen im ersten Schwangerschaftsmonat kann die möglichen ASD-Rezidive bei jüngeren Geschwistern von ASD-Kindern, d. h. in Familien mit hohem Autismusrisiko, reduzieren. Die weiteren Details, wie Dosisgrenzwerte, relevante Mikronährstoffe und biologische Mechanismen der pränatal angewendeten Vitamine oder Spurenelemente wären in künftigen Studien zu untersuchen. Auf Basis dieser Erkenntnisse könnten entsprechende Empfehlungen zur ASD-Prävention bei betroffenen Familien ausgesprochen werden, schlussfolgern die Autoren.

a. Nähere Information zu den Autismus-Spektrum-Störungen nach DSM-5 siehe https://images.pearsonclinical.com oder www.cdc.gov [14.06.2019] Deutsche Beschreibung: https://autismus-kultur.de

Quellen
[1] Schmidt RJ, Iosif AM, Angel EG, et al. Association of maternal prenatal vitamin use with risk for autism spectrum disorder recurrence in young siblings. JAMA Psychiatry 2019;76(4):391–8.
[2] Die Aufnahme von Folsäure und Eisen gemäß Empfehlungen des Institute of Medicine (Dietary Reference Intakes, 2001) für Schwangere wurde speziell analysiert (Tagesdosis Folat 600 µg, Eisen 27 mg), s. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25057538 bzw. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23193625 [14.06.2019]
[3] American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. 5th ed. Arlington, VA: American Psychiatric Association; 2013.

Bildquelle: © dubova – stock.adobe.com

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