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Perspektive

Dr. Andreas M. Finner: „Der Verlauf ist unberechenbar“

Plötzlich, unvorhersehbar, aus heiterem Himmel – der kreisrunde Haarausfall, trifft Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder. Die Prognose? Unvorhersehbar. Wie ist der aktuelle Forschungsstand zu dieser entzündlichen Form des Haarausfalls und welche Rolle spielt die Ernährung? Antworten gibt der Experte Dr. Andreas M. Finner. 

Herr Dr. Finner, wie zeigt sich eine Alopecia areata (AA) und wer ist davon betroffen?  

Die Verläufe sind sehr unterschiedlich. Es können sich kleine haarlose Stellen zeigen, die der Betroffene zunächst gar nicht bemerkt, weil sie weder Juckreiz noch Rötung zeigen. Bei anderen sind großflächige kahle Areale zu sehen. Das Kopfhaar kann aber auch komplett ausfallen (Alopecia totalis) und sogar die gesamte Körperbehaarung (Alopecia universalis). Mit dem Trichoskop ist erkennbar, dass die Poren noch erhalten sind. Es handelt sich also um einen nicht vernarbenden Haarausfall, bei dem die Haarwurzeln erhalten bleiben. Von AA können Menschen in jedem Alter, Frauen wie Männer, mit und ohne Stress betroffen sein. Die Lebenszeitprävalenz beträgt weltweit etwa 2 %,1 das heißt, bei einer von 50 Personen tritt mindestens einmal im Leben eine AA auf.  

Was weiß man über die Ursachen der Alopcia areata? 

Es handelt sich um eine Immunstörung, bei der die T-Lymphozyten die Haarwurzelzellen als fremd wahrnehmen. Normalerweise haben Haarfollikel ein Immunprivileg, welches sie vor dem Angriff durch das eigene Immunsystem „tarnt“. Wenn diese Tarnung zusammenbricht, kommt es zum Missverständnis zwischen Immun- und Follikelzellen. Die Haarwurzeln werden in einen entzündlichen Zustand versetzt und quasi „eingeschläfert“, glücklicherweise aber nicht zerstört. Der Pathomechanismus ist noch nicht vollkommen aufgeklärt. Man weiß, dass es eine genetische Veranlagung für AA gibt. Auch geht AA mit verschiedenen anderen Immunstörungen einher, darunter autoimmune Schilddrüsenerkrankungen, Vitiligo, Psoriasis, rheumatoide Arthritis und entzündliche Darmerkrankungen.2 Darüber hinaus besteht eine Assoziation mit atopischer Dermatitis.Die Faktoren, die eine Autoimmunität bei AA auslösen können, sind jedoch nach wie vor unbekannt. 

Wie erleben Sie Patienten, die mit Alopecia areata zu Ihnen kommen? 

Für viele Betroffene ist der kreisrunde Haarausfall ein Schock, insbesondere wenn die Haare plötzlich büschelweise ausfallen und die Areale großflächig sind. Dies erzeugt eine große Verunsicherung bis hin zu Alpträumen und Panikattacken. Die Patienten befinden sich in einem emotionalen Ausnahmezustand, vor allem Frauen, die eine Glatze fürchten. Wichtig ist hier zuzuhören und zu besprechen, was das für ihren Alltag bedeutet, welche Behandlungsmöglichkeiten und Chancen es gibt. Der individuelle Verlauf ist nicht vorhersehbar, sodass eine engmaschige Betreuung erfolgen sollte. Eine Zweithaarprothese kann zur Überbrückung, bis das Haar wieder nachwächst, sinnvoll sein.  

Bedeutet das, die Erkrankung kann geheilt werden? 

Nein, eine Heilung gibt es bislang noch nicht. Das Potenzial zum Nachwachsen der Haare bleibt aber über viele Jahre und möglicherweise lebenslang erhalten, da der Krankheitsprozess die Haarfollikel nicht zerstört.Eine Prognose ist dennoch kaum möglich, denn der Verlauf ist unberechenbar und bei jedem anders. Wir beobachten, dass kleine, begrenzte haarlose Stellen eine sehr gute Selbstheilungstendenz zeigen; in bis zu 50 % der Fälle wachsen die Haare spontan wieder. Die meisten Patienten erleben mehrere Alopezie-Episoden, bei manchen schreitet der Haarausfall fort, bei anderen kommt er zum Stillstand. Wir versuchen zwischenzeitlich das Nachwachsen der Haare anzuregen, u. a. mit Kortison-Unterspritzungen oder einer aufwändigen Immunkontakttherapie. Allerdings sind die Rezidivraten hoch. Eine neue Therapieoption stellen Januskinase (Jak)-Inhibitoren dar, die man aus der Rheumatherapie kennt, die aber noch nicht zur Behandlung der AA zugelassen sind. 

Gibt es Möglichkeiten der Prävention? 

Personen, die unter wiederkehrendem kreisrundem Haarausfall leiden, erkennen manchmal einen Zusammenhang mit Stress oder Schlafmangel und versuchen diesen daher möglichst zu vermeiden. Bei manchen Patienten sehen wir einen Vitamin D-Mangel, dem man entsprechend vorbeugen kann. Aber generell gibt es keine Möglichkeit der Prävention. Betroffene sollten sich daher auch keine Vorwürfe machen, dass sie in ihrem Lebensstil etwas falsch gemacht hätten. 

Welche Rolle hat die Ernährung bei der Alopezie? 

Neben den für das Haarwachstum wichtigen Mikronährstoffen wie Zink und Vitamin D gibt es erste Hinweise auf eine Beteiligung der Darmflora bei AA. In Fallberichten wurde beschrieben, dass Patienten mit Alopecia universalis nach fäkaler Mikrobiota-Transplantation wieder Haarwuchs entwickelten.4,5 Wir wissen, dass eine ausgewogene Darmflora für ein funktionierendes und regulierendes Immunsystem unerlässlich ist. Daher können probiotische Lebensmittel wie Joghurt und Kefir auch bei AA sinnvoll sein. Ballaststoffreiche Kost mit viel Vollkorn und Gemüse kann ebenfalls die Zusammensetzung des Darmmikrobioms positiv beeinflussen. Dabei steigt vor allem die Konzentration an Buttersäure und anderen kurzkettigen Fettsäuren an, die bekanntlich eine günstige immunmodulatorische Wirkung haben.6 Studien, die einen Effekt bei AA zeigen, gibt es aber bislang nicht. 

Was raten Sie Ärzten und Apothekern zum Umgang mit den betroffenen Patienten? 

Betroffenen sollte dazu geraten werden, sich in einer Haarsprechstunde vorzustellen, in der eine umfassende Aufklärung, Diagnostik und ggf. medizinische Behandlung erfolgen. Dort kann der Patient sein Herz ausschütten und über seine Ängste im Zusammenhang mit dem Haarausfall sprechen. Von langwierigen Selbstversuchen mit Shampoos, Haarwässern und anderen Pflegemitteln rate ich ab. Auch der Einsatz von topischen Medikamenten wie Minoxidil sollte vom Facharzt begleitet werden. Ich finde es außerdem wichtig, auf Selbsthilfegruppen zu verweisen, z. B. kreisrunderhaarausfall.de. Dort erleben die Patienten, dass sie nicht allein sind mit ihrer Erkrankung. Sie können sich unter Betroffenen austauschen und Bewältigungsstrategien erfahren, die sich bei anderen bewährt haben. Und sie können auch mal – ohne Haare – etwas miteinander unternehmen, ohne aufzufallen oder sich ausgegrenzt zu fühlen.  

Herr Dr. Finner, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!  

Dr. Andreas M. Finner ist Facharzt für Dermatologie mit Spezialisierung auf Haarmedizin und Haartransplantation an der Trichomed-Praxis in Berlin und Tätigkeit auch in Leipzig, Dresden, Hamburg (www.trichomed.com). Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Alopecia areata Deutschland e. V. 

 

Quellen 

1.Villasante Fricke AC, Miteva M. Epidemiology and burden of alopecia areata: a systematic review. Clin Cosmet Investig Dermatol 2015;8:397–403. 
2.Pratt CH, King LE, Messenger AG, et al. Alopecia areata. Nat Rev Dis Primers 2017;3:17011. 
3.Gilhar A, Etzioni A, Paus R. Alopecia areata. N Engl J Med 2012;366(16):1515–25. 
4.Rebello D, Wang E, Yen E, et al. Hair growth in two alopecia patients after fecal microbiota transplant. ACG Case Rep J 2017;4:e107. 
5.Xie W-R, Yang XY, Xia HH, et al. Hair regrowth following fecal microbiota transplantation in an elderly patient with alopecia areata: A case report and review of the literature. World J Clin Cases 2019;7(19):3074–81. 
6.Borde A, Åstrand A. Alopecia areata and the gut-the link opens up for novel therapeutic interventions. Expert Opin Ther Targets 2018;22(6):503–11. 

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