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Sternsinger

Solidarität: ein Stern für Menschlichkeit

Jährlich setzen rund 300.000 Kinder deutschlandweit im Rahmen der Aktion Sternsinger ein Zeichen der Solidarität. Und das völlig analog. Im Hinblick auf eine Generation, die von der ersten Stunde an mit der Nutzung digitaler Medien aufwächst, stellten wir Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel die Frage: Hat das Sternsingen eine Zukunft? Und wenn ja, ist diese Zukunft – im Hinblick auf die aktuelle Corona-Pandemie – auch digital möglich? Er ist Doktor der Katholischen Theologie, Professor in Religionspädagogik – mit Spezialisierung in Angewandter Ethik – und steht seit 2018 als Direktor dem Weltethos-Institut der Uni Tübingen vor. Im September dieses Jahres veröffentlichte er das Werk „Kritik der digitalen Vernunft“, in dem er u. a. die Frage stellt, ob und wie Digitalisierung die Gesellschaft und das Menschsein fördert.

Lieber Prof. Dr. Dr. Hemel, die Aktion Sternsinger ist die größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder weltweit. Wie betrachten Sie die Entwicklung dieses ursprünglich katholischen Brauchs?

Aus meiner Sicht ist die Aktion Sternsinger ein phänomenaler Erfolg. Und zwar für alle Beteiligten. Seit ihrem Start im Jahre 1959 hat sie sich deutschlandweit immer mehr verbreitet und konnte auch in den vergangenen Jahren einen kontinuierlichen Zulauf verzeichnen. Anknüpfend an einen jahrhundertealten Brauch bekommen Kinder hierbei die Gelegenheit, aktiv an der Gestaltung einer solidarischen Gesellschaft teilzunehmen. Denn mit dem Singen setzen Sie ein starkes Zeichen der Verbundenheit – sowohl mit den Menschen, deren Häuser und Wohnungen sie im Namen Christi segnen als auch mit den notleidenden Kindern, für die sie Spenden sammeln. Natürlich geht diese Verbundenheit auch über die Konfessionsgrenzen hinweg. So ist die Aktion Sternsinger natürlich schon längst eine ökumenische Initiative.

Welches Potenzial hat ein solches Ritual in der heutigen Zeit?

Rituale geben Halt und sind darum insbesondere in einer so schnellen und leichtlebigen Zeit wie heute von besonderer Bedeutung. Mit ihrer Hilfe können Menschen ein Zeichen setzen, was ihnen besonders wichtig ist, und so ihrem Leben einen Sinn verleihen. Man denke da zum Beispiel an Rituale wie das Sakrament der Ehe. Aber auch in alltäglicheren Zusammenhängen, z.B. bei der Segnung von Motorrädern. Das Sternsingen bietet Kindern eine bedeutende Chance, den Sinn in ihrem Leben zu fördern. Sie lernen, dass sie durch ihr Tun etwas für andere bedeuten können und dass es in ihrer Macht steht, Positives zu bewirken. Nicht zuletzt bietet das Sternsingen die große Chance, ein Abenteuer zu erleben. Denn schließlich weiß man nie, was einen schon an der nächsten Haustüre erwartet. Das ist einfach eine tolle Form der Selbsterfahrung.

Wie wichtig ist der Solidaritäts-Aspekt der Sternsinger in unserer zunehmend digitalisierten Welt?

Grundsätzlich sind Solidarität und Digitalisierung natürlich kein Gegensatz. Denn in erster Linie ist das Digitale ein Medium, das wir auf die unterschiedlichste Art und Weise nutzen können. Einerseits ist es auf diesem Wege möglich, Menschen miteinander zu verbinden. Zum Beispiel wenn das physische Aufeinandertreffen nicht möglich ist oder wie in der aktuellen Corona-Situation sogar unterlassen werden sollte. Andererseits kann man Menschen damit auch trennen. Man denke dabei zum Beispiel an Themen wie Hatespeech oder Fake-News. Gerade vor diesem Hintergrund bietet die Aktion Sternsinger Kindern eine Plattform, über die sie ohne jegliche Form der Instrumentalisierung solidarisch handeln können. Es ist ein unpolitischer Raum, der den echten, menschlichen Kontakt ermöglicht. Und den kann keine Technologie ersetzen.

Bleibt das Sternsingen im Kontext einer digitalisierten Welt auch in Zukunft „in“?

Ja, das glaube ich schon. Wir leben aktuell in einer grundsätzlich besorgten Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund hängen viele Kinder an der „digitalen Nabelschnur“ ihrer Eltern. Für ihre Entwicklung ist es jedoch maßgeblich, sich auch in den Aspekten der Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit erleben zu können. Das heißt, sie brauchen die Gelegenheit, ihr Leben selbst zu gestalten. Das Sternsingen ist eine der wenigen Aktionen, bei denen Kinder heutzutage selbständig sozial tätig sein können. Diese Erfahrung trägt dazu bei, dass sie Solidarität und Souveränität entwickeln können – beides Fähigkeiten, die auch in der digitalen Welt von großem Wert sind. Digitale Souveränität ermöglicht Kindern zum Beispiel, im Umgang mit dem Überfluss an Medien für die eigene Sicherheit sorgen zu können – ähnlich wie im Straßenverkehr. Digitale Solidarität heißt, die Spielregeln des menschlichen Umgangs auch auf die digitale Welt übertragen zu können. Als Vorbild dient dafür das Erleben der analogen Welt, wie zum Beispiel als Sternsinger.

Könnte man das Sternsingen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie in die digitale Welt überführen? Und was würde das für die Aktion bedeuten?

Die Übertragung der Aktion in die digitale Welt ist möglich, aber nicht ganz einfach. Denn nach Ihrem Gesang zeichnen die Sternsinger den Segen „C+M+B“ mit Kreide über die Tür. Für das digitale „Um-die-Häuser-Ziehen“ müsste man vorab Ort und Zeit für virtuelles Treffen vereinbaren bzw. zu einem offenen Online-Format einladen. Das nimmt dem Ganzen den Reiz, den der spontane Besuch der Sternsinger innehat. Stattdessen wird es dann so sein wie bei anderen virtuellen Veranstaltungen auch: Wer kann, der kommt. Wer es verschwitzt, an dem geht die Aktion vorüber. Nicht zuletzt sind die Sternsinger ein Selbsthilfewerk von Kindern für Kinder. Man kann zwar auch online Geld einsammeln, aber auch hier geht etwas verloren: Der Blick in die Augen, die herzliche Beziehung, die soziale Anerkennung. Das alles wird sich auf das Spendenaufkommen auswirken. Kurz gesagt: Digitales Sternsingen ist möglich, es stellt sich jedoch die Frage nach seiner Sinnhaftigkeit. Da Sternsinger Abstand halten können, ist meiner Meinung nach der klassische Weg auch in Pandemie-Zeiten durchaus möglich!

Lieber Professor Hemel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

 

Bildquelle: © Felix Müller (Weltethos-Institut)

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