Probiotika: Beruhigende Aussichten für den Reizdarm

Wissensvorsprung

Laut aktuellem BARMER-Arztreport wurde im Jahr 2017 bei rund einer Million Menschen die Diagnose „Reizdarm“ gestellt.1 Schätzungen gehen von weit mehr Betroffenen aus, da über die Symptome wie Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall selbst beim Arztbesuch selten gesprochen wird.1 Die Lebensqualität der Betroffenen ist zum Teil stärker beeinträchtigt als bei anderen chronischen Erkrankungen.2 Die genaue Pathogenese des RDS ist noch unklar, doch konnten Störungen der Darmflora, der intestinalen Barrierefunktion sowie Aktivierungen des enterischen Immun- und Nervensystems nachgewiesen werden.2,3

Viele der RDS-Symptome, vor allem Blähungen und Durchfall, werden durch eine Fehlbesiedlung des Dünndarms verursacht.4 Die bakterielle Überwucherung mit typischen Dickdarmbewohnern ist ein bei RDS-Patienten häufig zu beobachtendes Phänomen, das kurz SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth) genannt wird.4 Die Supplementierung mit Probiotika kann ein geeigneter Ansatz sein, um Dysbiosen wie SIBO und den daraus resultierenden RDS-Symptomen zu begegnen.

Mit Probiotika der Fehlbesiedlung entgegenwirken

Welchen Einfluss eine Kombination oral verabreichter Probiotika bei erwachsenen RDS-Patienten mit und ohne SIBO auf die Symptomatik und ggf. die Fehlbesiedlung haben kann, wurde jetzt erstmals in einer offenen Studie an 33 RDS-Patienten untersucht.4 Alle Teilnehmer erhielten zweimal täglich für 30 Tage je eine Kapsel mit Probiotika unter anderem mit Bifidobacterium lactis, Lactobacillus acidophilus und Lactobacillus plantarum. 30 Tage nach Behandlungsende zeigten die Patienten mit SIBO eine Verbesserung der klinischen Symptomatik entsprechend einer Reduktion im RDS-Gesamt-Score von 71,3 % im Vergleich zu 10,6 % bei Patienten ohne SIBO (p 0,017).4 Auch die Zufriedenheit mit der Darmfunktion war bei RDS-Patienten mit SIBO höher als bei denen ohne SIBO.4 Offenbar waren die zugeführten Milchsäurebakterien in der Lage, sich im Dünndarm anzusiedeln und zu vermehren, die Dysbiose auszugleichen und so die Reizdarmsymptome zu lindern.

Ausgewählte Probiotika bei RDS

Eine andere Forschergruppe untersuchte in einer randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie über 12 Wochen ebenfalls den Einfluss von Probiotika auf Erwachsene mit RDS-Symptomatik.5 Je nach dominierendem Beschwerdebild wurden folgende Subgruppen unterschieden: Obstipations-dominantes Reizdarmsyndrom, Diarrhö-dominantes Reizdarmsyndrom und eine Mischform. Die Teilnehmer erhielten täglich zum Frühstück entweder ein Placebo oder eine Kombination von Laktobazillen (L. acidophilus, L. casei, L. rhamnosus). Das Probiotikum führte in den Subgruppen mit Obstipation bzw. Diarrhö zu einer signifikanten Verbesserung der Stuhlfrequenz, Stuhlkonsistenz und Lebensqualität.5 Lediglich auf die Schmerzsymptomatik war der Einfluss nicht signifikant. Am stärksten profitierten weibliche Teilnehmer sowie die mit dominierender Durchfall-Symptomatik von der probiotischen Behandlung.5 In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) wird der Einsatz von Probiotika beim Reizdarm2 sowie bei funktioneller chronischer Obstipation6 empfohlen.

Einfluss ballaststoffarmer, hochverarbeiteter Lebensmittel

Dass ein größerer Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel (ultra-processed foods, UPF) mit einem höheren Risiko für ein Reizdarmsyndrom verbunden ist, zeigte kürzlich eine Analyse der Ernährungsdaten von 33.343 Erwachsenen der NutriNet-Santé-Kohorte.7 Von allen Lebensmitteln und Getränken, welche die Teilnehmer konsumierten, zählten 16 % (nach Gewicht) zu den UPF, das sind industriell hergestellte und mit Zusatzstoffen angereicherte Snacks, Desserts oder Fertiggerichte.7 Ein Drittel der gesamten Energieaufnahme entfiel auf die UPF, was noch relativ wenig ist im Vergleich zu den USA, Kanada und Großbritannien, wo über die Hälfte der täglichen Kalorien aus UPF stammen.7 Die Autoren vermuten, dass u. a. die Armut an Ballaststoffen in den UPF an der Entwicklung der RDS-Symptomatik beteiligt sein könnte.

In dem Zusammenhang sind die Ergebnisse einer Meta-Analyse interessant, die zeigte, dass lösliche Ballaststoffe effektiv RDS-Symptome lindern konnten.8 Zu den löslichen Ballaststoffen zählen Flohsamenschalen sowie Inulin. Inulin ist ein für den Menschen unverdauliches Kohlenhydrat, das aus Chicorée gewonnen wird und prebiotische Eigenschaften hat.9 Es dient im Dickdarm als Substrat für die Milchsäurebakterien und kann so eine normale Magen-Darm-Funktion unterstützen.9

Mikronährstoff-Defizite bei RDS ausgleichen

Personen mit einem Reizdarmsyndrom ernähren sich offenbar generell anders als Gesunde.10 Zumindest stellten das französische Forscher bei einer weiteren Auswertung der Nutrinet-Santé-Kohorte fest.10 Im Vergleich zu den gesunden Kontrollpersonen konsumierten die Teilnehmer mit RDS signifikant weniger Milch, Joghurt und Obst.10 Ihre Gesamt-Energiezufuhr sowie die Aufnahme von Fetten war signifikant höher, die Proteinzufuhr jedoch geringer.10 Auch die Zufuhr der Mikronährstoffe Calcium, Kalium, Zink sowie die Vitamine B2 (Riboflavin), B5 (Pantothensäure) und B9 (Folsäure) waren bei den Teilnehmern mit RDS signifikant verringert (p > 0,0001).10

Mit Vitamin D Symptome verbessern

Bei RDS-Patienten kann oft auch der Vitamin-D-Spiegel verringert sein. Zudem besteht eine Korrelation zwischen einem Vitamin-D-Defizit und gastrointestinalen Symptomen bei RDS-Patienten, wie eine aktuelle Studie zeigte.11 Bei zwei Drittel der untersuchten RDS-Patienten lagen die 25(OH)D3-Serumkonzentrationen unter dem Referenzwert von 20 ng/ml. Im Vergleich zur Kontrollgruppe hatten die RDS-Patienten einen durchschnittlich niedrigeren 25(OH)D3-Spiegel (p < 0,05).11 Niedrigere Serumkonzentrationen waren mit schwereren klinischen Symptomen und einer geringeren Lebensqualität verbunden.11 Eine aktuelle placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 116 RDS-Patienten konnte zeigen, dass eine Supplementierung mit Vitamin D die 25(OH)D3-Serumspiegel sowie den Schweregrad der Symptome und die Lebensqualität signifikant verbesserte.12

Der Einsatz von Pro- und Prebiotika kann bei einem Reizdarmsyndrom die gastrointestinalen Symptome sowie die Lebensqualität der Betroffenen verbessern.2,4–6,8 Außerdem kann ein Ausgleich der häufig bei RDS zu beobachtenden Mikronährstoff-Defizite mit B-Vitaminen, Mineralstoffen sowie Vitamin D sinnvoll sein.10–12

Quellen
[1] Grobe TG, Steinmann S, Szecsenyi J. BARMER Arztreport 2019. 1. Aufl. Siegburg: Asgard Verlagsservice; 2019. Verfügbar unter www.barmer.de/blob/180716/d716a1cbc5eec45894a3f47b62145e5e/data/dl-arztreport2019-komlett.pdf. [19.03.2019].
[2] Layer P, Andresen V, Pehl C, et al. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Z Gastroenterol 2011;49(2):237–93.
[3] Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Weißbuch Gastroenterologische Erkrankungen 2018/19. 1. Aufl. Herne: Frischtexte Verlag; 2018. Verfügbar unter www.dgvs.de/wp-content/uploads/2018/07/Wei%C3%9Fbuch-Gastroenterologie-2018-19.pdf. [19.03.2019].
[4] Leventogiannis K, Gkolfakis P, Spithakis G, et al. Effect of a preparation of four probiotics on symptoms of patients with irritable bowel syndrome: association with intestinal bacterial overgrowth. Probiotics Antimicrob Proteins 2018.
[5] Preston K, Krumian R, Hattner J, et al. Lactobacillus acidophilus CL1285, Lactobacillus casei LBC80R and Lactobacillus rhamnosus CLR2 improve quality-of-life and IBS symptoms: a double-blind, randomised, placebo-controlled study. Benef Microbes 2018;9(5):697–706.
[6] Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität, Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. S2k-Leitlinie Chronische Obstipation; 2013. Verfügbar unter www.dgvs.de/wp-content/uploads/2016/11/LL_Chronische__Obstipation_Report.pdf. [21.03.19].
[7] Schnabel L, Buscail C, Sabate J-M, et al. Association between ultra-processed food consumption and functional gastrointestinal disorders: Results from the French NutriNet-Santé cohort. Am J Gastroenterol 2018;113(8):1217–28.
[8] Moayyedi P, Quigley EMM, Lacy BE, et al. The effect of fiber supplementation on irritable bowel syndrome: a systematic review and meta-analysis. Am J Gastroenterol 2014;109(9):1367–74.
[9] Azpiroz F, Molne L, Mendez S, et al. Effect of chicory-derived inulin on abdominal sensations and bowel motor function. J Clin Gastroenterol 2017;51(7):619–25.
[10] Torres MJ, Sabate J-M, Bouchoucha M, et al. Food consumption and dietary intakes in 36,448 adults and their association with irritable bowel syndrome: Nutrinet-Santé study. Therap Adv Gastroenterol 2018;11:1756283X17746625.
[11] Abbasnezhad A, Amani R, Hasanvand A, et al. Association of serum vitamin D concentration with clinical symptoms and quality of life in patients with irritable bowel syndrome. J Am Coll Nutr 2018:1–7.
[12] Jalili M, Vahedi H, Poustchi H, et al. Effects of vitamin D supplementation in patients with irritable bowel syndrome: a randomized, double-blind, placebo-controlled clinical trial. Int J Prev Med 2019;10.

Bildquelle: © astrosystem – Fotolia.com

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