Stressfaktor Lärm – Risiko für Herz und Gefäße

Stressfaktor Lärm – Risiko für Herz und Gefäße

Wissensvorsprung

Ob ein Geräusch als störend wahrgenommen wird, ist individuell sehr verschieden. Laut Umfragen stellt der Straßenverkehrslärm die störendste Geräuschquelle für die meisten Menschen dar, gefolgt von Nachbarschaftslärm.6 Lärm belastet nicht nur das Gehör, er ist ein Stressfaktor, der langfristig die Gesundheit gefährden kann.1 Die WHO schätzt, dass in Westeuropa jedes Jahr mindestens eine Million gesunde Lebensjahre durch lärmbedingte Komplikationen wie erhöhte Inzidenz von Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt und Schlaganfall verloren gehen.1,7 Dabei muss Lärm nicht ohrenbetäubend sein, um die Gesundheit zu beeinträchtigen. In Studien zum Einfluss von Lärm wird meist untersucht, wie sich eine Erhöhung der Schalldruckpegel um 10 dB innerhalb eines bestimmten Bereichs (z. B. 40 – 80 dB) auswirkt. Zum Vergleich: Der übliche häusliche Hintergrundschall liegt bei 30 – 40 dB, eine Unterhaltung kann 40 – 60 dB laut sein und ein PKW im Stadtverkehr erzeugt ca. 60 – 85 dB.8 Während eine Pegeländerung von 1 dB gerade noch hörbar ist, empfinden wir eine Zunahme um 10 dB subjektiv als Verdoppelung der Lautstärke.

Zunahme kardiovaskulärer Risiken durch Verkehrslärm

Wie eine Metaanalyse mit 67.224 Teilnehmern gezeigt hat, erhöht sich das Risiko einer koronaren Herzerkrankung um 8 % pro Anstieg des Straßenverkehrslärms um 10 dB innerhalb eines Bereichs von 40 – 80 dB.1 Das Schlaganfallrisiko erhöhte sich um 15 % pro 10 dB Zunahme des Straßenverkehrslärms, wie eine Kohortenstudie mit 51.485 Teilnehmern ergab.1 Eine weitere aktuelle Metaanalyse fand Hinweise auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko durch Fluglärm, auch wenn das Gesamtergebnis knapp unterhalb des Signifikanzniveaus lag.9

Typ-2-Diabetes und Adipositas sind möglicherweise ebenfalls mit verkehrsbedingtem Lärm assoziiert: So war ein Anstieg des Straßenverkehrslärms um 10 dB über einen Geräuschbereich von ca. 50 –70 dB statistisch signifikant mit einer Zunahme der Inzidenz von Diabetes um 8 % verbunden.1 Ein Anstieg des Fluglärms um 10 dB korrelierte signifikant mit einer Zunahme des Taillenumfangs um durchschnittlich 3,46 cm über einen Beobachtungszeitraum von 8 –10 Jahren.1

Beeinträchtigung der Gefäßfunktion durch oxidativen Stress

Es wird angenommen, dass chronische Lärmbelastung durch die Aktivierung des vegetativen Nervensystems und erhöhte Konzentrationen an Stresshormonen zu einer vaskulären Dysfunktion und letztendlich zu Gefäßschäden führen können.2 Dabei spielt die Induktion von oxidativem Stress in den Gefäßen vermutlich eine Hauptrolle.2–4 Diese Annahme wurde durch eine Feldstudie mit 75 gesunden Männern (Alter Ø 26 Jahre) eindrucksvoll untermauert: Die Probanden wurden zuhause für jeweils eine Nacht drei verschiedenen Lärmszenarien ausgesetzt, welche keine (Kontrolle), 30 oder 60 Nachtflüge von durchschnittlich 60 dB simulierten.5 Der Nachtfluglärm erhöhte bei den Probanden am nächsten Morgen signifikant die Konzentration des Stresshormons Adrenalin und verschlechterte dosisabhängig die Gefäßfunktion.5 Durch die Gabe von Vitamin C liess sich die lärmbedingte endotheliale Dysfunktion verbessern.5

Mikronährstoffe, die bei Stress sinnvoll sein können

Zu den Mikronährstoffen, die als „Radikalfänger“ die Blutgefäße vor oxidativem Stress schützen können, gehören die Vitamine C und E sowie sekundäre Pflanzenstoffe wie Carotinoide und Polyphenole, z. B. Catechine und oligomere Proanthocyanidine (OPC). Für OPC aus Weintrauben wurde gezeigt, dass diese bei täglicher Verabreichung über einen Zeitraum von 6, 12 und 24 Monate das Fortschreiten einer Arteriosklerose der Halsschlagader aufhalten bzw. die Größe von Carotis-Plaques signifikant verringern konnten.10 Als „Anti-Stress-Vitamine“ kann auch die Gruppe der B-Vitamine hilfreich sein. B-Vitamine werden als Co-Faktoren im Energiestoffwechsel benötigt und sind an der Synthese von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin beteiligt.11,12 Die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren kann bei chronischem Stress ebenfalls sinnvoll sein. Niederländische Forscher haben kürzlich zeigen können, dass eine Dysregulation der biologischen Stresssysteme und deren Marker, wie Herzfrequenz, Cortisolspiegel und Entzündungsbotenstoffe, assoziiert sind mit einem niedrigen Omega-3-Plasmaspiegel.13 Folglich könne eine Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren die biologische Stressreaktion regulieren und dadurch die somatische und psychische Gesundheit verbessern, schlussfolgern die Autoren.13 Eine ausgewogene Ernährung, die reich ist an Mikronährstoffen, z. B. Antioxidanzien, B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren, ist wichtig bei chronischem Stress.

Quellen
[1] van Kempen E, Casas M, Pershagen G, et al. WHO Environmental noise guidelines for the european region: A systematic review on environmental noise and cardiovascular and metabolic effects: A summary. Int J Environ Res Public Health 2018;15(2):pii: E379.
[2] Münzel T, Schmidt FP, Steven S, et al. Environmental noise and the cardiovascular system. J Am Coll Cardiol 2018;71(6):688–97.
[3] Daiber A, Kröller-Schön S, Oelze M, et al. Environmental stressors and cardiovascular risk: Impact of environmental noise exposure on vascular oxidative stress and damage. Free Radical Biology and Medicine 2018;120:S15.
[4] Münzel T, Daiber A, Steven S, et al. Effects of noise on vascular function, oxidative stress, and inflammation: mechanistic insight from studies in mice. Eur Heart J 2017;38(37):2838–49.
[5] Schmidt FP, Basner M, Kröger G, et al. Effect of nighttime aircraft noise exposure on endothelial function and stress hormone release in healthy adults. Eur Heart J 2013;34(45):3508-14a.
[6] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Umweltbundesamt. Umweltbewusstsein in Deutschland 2016; 2017. Verfügbar unter www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/umweltbewusstsein_deutschland_2016_bf.pdf. [17.06.2019].
[7] World Health Organization. Environmental noise guidelines for the european region. Copenhagen, Denmark: WHO Regional Office for Europe; 2018. Verfügbar unter www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0008/383921/noise-guidelines-eng.pdf?ua=1. [15.05.2019].
[8] Bayerisches Landesamt für Umwelt. Lärm – Hören, messen und bewerten. Augsburg; 2017. Verfügbar unter www.lfu.bayern.de/buerger/doc/uw_34_laerm_messen_bewerten.pdf. [18.06.2019].
[9] Weihofen VM, Hegewald J, Euler U, et al. Aircraft noise and the risk of stroke: A systematic review and meta-analysis. Dtsch Arztebl Int 2019;116(14):237–44.
[10] Cao A-H, Wang J, Gao H-Q, et al. Beneficial clinical effects of grape seed proanthocyanidin extract on the progression of carotid atherosclerotic plaques. J Geriatr Cardiol 2015;12(4):417–23.
[11] Long SJ, Benton D. Effects of vitamin and mineral supplementation on stress, mild psychiatric symptoms, and mood in nonclinical samples: a meta-analysis. Psychosom Med. 2013;75(2):144-53.
[12] Huskisson E, Maggini S, Ruf M. The role of vitamins and minerals in energy metabolism and well-being. J Int Med Res. 2007;35(3):277-89.
[13] Thesing CS, Bot M, Milaneschi Y, et al. Omega-3 polyunsaturated fatty acid levels and dysregulations in biological stress systems. Psychoneuroendocrinology 2018;97:206–15.

Bildquelle: © drubig-photo – stock.adobe.com

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