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Praxistipp

„Zu Risiken und Nebenwirkungen ...“: Informationen richtig dosieren

„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Aufklärung ist Pflicht, keine Frage, aber ist sie auch immer hilfreich? Der Beipackzettel kann angesichts der oft ellenlangen Auflistung von Nebenwirkungen so angsteinflößend sein, dass Patient:innen das Medikament nicht anrühren. Und das Aufklärungsgespräch? Kann auch dieses negative Folgen haben? Tatsächlich nimmt jede zweite chronisch erkrankte Person ärztlich verordnete Arzneimittel gar nicht oder nicht richtig ein.1

Nocebo-Effekt durch Warnhinweise?

Ob selbst die Warnung vor Nebenwirkungen schon schädlich sein kann, hat ein australisches Forscherteam in einem ungewöhnlichen Experiment untersucht.2 Unter dem Vorwand, ein neues Schlafmittel testen zu wollen, rekrutierten sie Studierende mit Schlafstörungen. Dabei war das vermeintlich neue Medikament nur ein Placebo. Ein Teil der Testpersonen wurde darüber aufgeklärt, dass das Mittel den Appetit verändern könne; einige mit dem Hinweis auf eine mögliche Appetitzunahme, die anderen auf eine Appetitminderung. Die Kontrollgruppe bekam keine Warnhinweise und teilweise auch keine Behandlung. Das Forscherteam konnte auf diese Weise nicht nur einen positiven Erwartungseffekt nachweisen, sondern auch einen negativen, den Nocebo-Effekt, und zwar durch die Art der Aufklärung: 40 % der Testpersonen, die das Scheinmedikament bekamen, berichteten von genau der Appetitveränderung bei sich, die sie erwartet hatten.2

Offenbar kann die an sich sinnvolle Aufklärung auch zu negativen Erwartungseffekten führen, die nachweislich die Wirkung von Medikamenten abschwächen oder gar aufheben und darüber hinaus unerwünschte Effekte von Arzneimitteln bewirken. Wie sollen Sie als Arzt / Ärztin da richtig und pflichtgemäß aufklären? Die beiden Professoren für Medizinische Psychologie, Sven Benson und Manfred Schedlowski raten, den Informationsumfang zu Wirkung und Nebenwirkung individuell zu dosieren und geben dazu ein nützliches Konzept an die Hand: Es gilt zwei Typen zu unterscheiden: Repressor und Sensitivierer.3

Woran Sie R- und S-Typen erkennen
Das Konzept der Repression und Sensitivierung unterscheidet Menschen danach, wie sie potenziell angstauslösenden Reizen begegnen und mit Stresssituationen umgehen.4 Dabei handelt es sich um eine Persönlichkeitseigenschaft, ob sich jemand eher mit der Bedrohung auseinandersetzt (Sensitivierer oder S-Typ) oder ihr lieber aus dem Weg geht (Repressor oder R-Typ). Als Patient:in macht sich der S-Typ viele Gedanken über seine Beschwerden und will möglichst alles darüber wissen.5 Oft hat er schon im Internet recherchiert, bevor er mit klaren Vorstellungen über deren Ursache und Behandlungsmöglichkeiten in die Praxis kommt.5 Der R-Typ hingegen geht der Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung aus dem Weg. Symptome ignoriert er weitgehend oder schreibt diesen eine harmlose Ursache zu. Daher sucht der R-Typ auch viel seltener die ärtzliche Aufklärung  als der S-Typ.

Patient:innen typgerecht aufklären
Um Nocebo-Effekte von vornherein zu minimieren, dosieren Sie Art und Umfang der Patientenaufklärung – der R-S-Typologie entsprechend. Dem R-Typ kommt es sehr entgegen, nicht jedes Detail einer anstehenden Untersuchung zu kennen. An einer umfassenden Aufklärung ist er nicht interessiert und will auch von Nebenwirkungen nichts hören. Sie schüren nur seine Ängste und gefährden seine Therapietreue, wenn Sie Risiken zu sehr betonen. Der S-Typ hingegen erwartet ein ausführliches Aufklärungsgespräch, bei dem alle seine Fragen beantwortet werden. Geben Sie ihm nach einem klärenden Gespräch noch etwas zum Nachlesen mit oder weisen Sie ihn auf seriöse Quellen im Internet hin. Doch Vorsicht! Der S-Typ nimmt negative Formulierungen besonders stark wahr, sodass ihm beispielsweise bestimmte Nebenwirkungen bedrohlicher erscheinen als sie tatsächlich sind.
Was Sie tun können, um im Aufklärungsgespräch Ihrer Informationspflicht nachzukommen und gleichzeitig positive Erwartungen zu setzen, erfahren Sie in unserer Checkliste zum Download.

 

Quellen
1. ABDA. Jeder Zweite nimmt verordnete Medikamente nicht richtig ein. Verfügbar unter www.aponet.de/artikel/jeder-zweite-nimmt-verordnete-medikamente-nicht-richtig-ein-23590. [25.05.2021].
2. Neukirch N, Colagiuri B. The placebo effect, sleep difficulty, and side effects: a balanced placebo model. J Behav Med 2015;38(2):273–83.
3. Benson S, Schedlowski M. Therapieverstärker. Worte und ihr Gebrauch. Orthomol Schriftenreihe; 2020.
4. Byrne D. Repression-Sensitization as a dimension of personality. Prog Exp Pers Res 1964;72:169–220.
5. Kropp P. 3.2.1. Krankheitsverarbeitung. In: Deinzer R, Knesebeck O von dem, Herausgeber. Online Lehrbuch der Medizinischen Psychologie und Medizinischen Soziologie. Berlin: German Medical Science GMS Publishing House; 2018.

 

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