Wissensvorsprung

Pflanzliche Nahrung – Erfolgsversprechende Alternative bei Gicht?

Die Gicht zählt zu den Wohlstandskrankheiten, an der vor allem Männer erkranken: In Deutschland leiden 1–2 % der männlichen Bevölkerung an Gichtarthritis, bei den über 65-Jährigen steigt die Prävalenz auf 7 %.1 Dabei führt ein stark erhöhter Harnsäurespiegel im Blut (Hyperurikämie) zu Ablagerungen von Harnsäurekristallen in Gelenken, Nieren und anderen Geweben, wo sie äußerst schmerzhafte Entzündungen auslösen können. Gicht steht zudem mit Übergewicht, Bluthochdruck, dem metabolischem Syndrom, Diabetes, Niereninsuffizienz und kardiovaskulären Erkrankungen in Zusammenhang.1

Sowohl Gicht als auch die Hyperurikämie sind zum einen auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen, zum anderen auf genetische Einflüsse.2 Um den Harnsäurespiegel zu senken, wird Gicht-Patienten meist eine purinarme Kost empfohlen, d. h. auf Fleisch und Krustentiere zu verzichten und den Bierkonsum einzuschränken.1,3 Was viele nicht wissen: Auch gezuckerte Softdrinks und Fruchtsäfte können aufgrund ihres Fructosegehalts zum Anstieg von Harnsäure im Blut beitragen und so das Gichtrisiko erhöhen.4–6 Wie eine kanadische Metaanalyse mit über 150.000 Teilnehmern zeigte, hatten Personen mit täglichem Konsum an gesüßten Softdrinks ein doppelt so hohes Gichtrisiko wie die Personen, die nur selten Softdrinks tranken.6 Für Obstkonsum fanden die Forscher keinen eindeutigen Zusammenhang mit dem Auftreten von Gicht.6

Niedrige Harnsäurespiegel bei Vegetariern

Da Harnsäure vor allem durch den Abbau von Purinen entsteht, gelten eine purinreiche Ernährung mit Nahrungsmitteln wie Innereien, Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte als Risikofaktor für die Entstehung einer Gicht. Doch auch manche pflanzlichen Lebensmittel sind purinreich, z. B. Hülsenfrüchte, Spinat, Rosenkohl und Sojaprodukte. Inwieweit eine vegetarische Kost Einfluss auf das Gichtrisiko hat, wurde in zwei Kohortenstudien mit 4.903 und 9.032 Teilnehmern in Taiwan untersucht.7 Alle Studienteilnehmer waren Buddhisten, die seit mindestens zwei Jahren weder geraucht noch Alkohol konsumiert hatten. Keiner der Probanden wies zu Beginn der Untersuchung Gichtsymptome auf.7 Jeweils etwa ein Drittel der Probanden in beiden Kohorten waren Vegetarier. Neben dem Verzicht auf Fleisch und Fisch konsumierten die Vegetarier außerdem weniger Milchprodukte, Eier, Kaffee, Tee und gezuckerte Getränke. Dafür nahmen sie mehr Sojaprodukte, Gemüse und Obst zu sich und insgesamt mehr Ballaststoffe und Vitamin C. Im Verlauf von fünf bis neun Jahren erkrankten insgesamt 226 Personen an Gicht. Es zeigte sich, dass die vegetarische Ernährung mit einem geringeren Risiko an Gicht zu erkranken, verbunden war: Die Vegetarier hatten ein um 67 % (Kohorte 1) bzw. um 39 % (Kohorte 2) verringertes Gichtrisiko gegenüber den Fleischessern.7 Die Korrelation blieb bestehen, nachdem man die demographischen, lebensstilbezogenen, kardiometabolischen Risikofaktoren sowie die initiale Hyperurikämie berücksichtigt hatte.7

Pflanzliche Purine mit weniger Gichtpotenzial

Ein Grund für das geringere Gichtrisiko der Vegetarier wird in deren niedrigeren Harnsäurespiegeln vermutet. Interessanterweise hatten jedoch nicht die Veganer, sondern die Ovo-Lacto-Vegetarier die niedrigsten Harnsäurespiegel.7 Obwohl die pflanzlichen Nahrungsmittel, vor allem Sojaprodukte, hohe Puringehalte aufwiesen, verstärkten diese nicht das Gichtrisiko. Die Forscher vermuten, dass pflanzliche Purine aufgrund einer anderen Zusammensetzung als Purine tierischen Ursprungs ein geringeres Potenzial haben, die Harnsäurekonzentration zu erhöhen.7 Zudem sei vegetarische Kost tendenziell reicher an ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen, die antientzündliche Eigenschaften haben. Eine vegetarische Ernährung könne darüber hinaus bei vielen Komorbiditäten, die mit Gicht assoziiert sind, einen protektiven Effekt haben.7 Daher sei eine vegetarische Ernährung eine erfolgversprechende Strategie zur Gichtprävention, wie auch als therapeutische Maßnahme.

Bei Fleischverzicht auf Mikronährstoffzufuhr achten

Wer auf Fleisch und Fisch verzichtet, sollte auf eine ausreichende Versorgung mit bestimmten Mikronährstoffen achten. Zu den kritischen Mikronährstoffen bei vegetarischer bzw. veganer Ernährung können beispielsweise Vitamin B12, Zink, Vitamin D und mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren gehören.8–10 Vitamin B12 kommt in ausreichende Mengen nur in tierischen Lebensmitteln vor. Um ein Vitamin-B12-Defizit zu vermeiden, sollten Veganer sowie Vegetarier mit erhöhtem Bedarf mit B12 angereicherte Lebensmittel verzehren oder auf Vitamin-B12-Supplemente zurückgreifen.10,11 Da eine hohe Zufuhr von Phytat, das vor allem in Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten vorkommt, die Bioverfügbarkeit von Zink verringern kann, hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ihre Empfehlungen angepasst: Bei hoher Phytat-Zufuhr wird Vegetariern und Veganern eine um 50 % höhere Zufuhr von Zink empfohlen.11 In den Wintermonaten sowie bei Personen, die sich überwiegend in geschlossenen Räumen aufhalten, ist – wie bei Mischköstlern auch – eine Supplementierung mit 20 μg Vitamin D pro Tag zu empfehlen.11 Um die Versorgung mit langkettigen n-3-Fettsäuren sicherzustellen, sollten Vegetarier regelmäßig Lein-, Raps- und Walnussöl verwenden oder EPA und DHA aus Algenpräparaten supplementieren.10

 

Quellen
1. Kiltz U. Langfassung zur S2e-Leitlinie Gichtarthritis (fachärztlich); 2016. Verfügbar unter https://dgrh.de [03.12.2019].
2. Dalbeth N, Stamp LK, Merriman TR. The genetics of gout: towards personalised medicine? BMC Med 2017;15(1):108.
3. Engel B, Just J, Bleckwenn M, et al. Therapieoptionen bei Gicht. Dtsch Ärztebl 2017;144(13):215–22.
4. Choi HK, Curhan G. Soft drinks, fructose consumption, and the risk of gout in men: prospective cohort study. BMJ 2008;336(7639):309–12.
5. Jamnik J, Rehman S, Blanco Mejia S, et al. Fructose intake and risk of gout and hyperuricemia: a systematic review and meta-analysis of prospective cohort studies. BMJ Open 2016;6(10):e013191.
6. Ayoub-Charette S, Liu Q, Khan TA, et al. Important food sources of fructose-containing sugars and incident gout: a systematic review and meta-analysis of prospective cohort studies. BMJ Open 2019;9(5):e024171
7. Chiu TH, Liu CH, Chang CC, et al. Vegetarian diet and risk of gout in two separate prospective cohort studies. Clin Nutr 2019; March 17 [online ahead of print] doi: 10.1016/j.clnu.2019.03.016.
8. Li D. Chemistry behind vegetarianism. J Agric Food Chem 2011;59(3):777–84.
9. Rizzo G, Laganà AS, Rapisarda AM, et al. Vitamin B12 among vegetarians: status, assessment and supplementation. Nutrients 2016;8(12):767.
10. Ströhle A, Löser C, Behrendt I, et al. Alternative Ernährungsformen: Allgemeine Aspekte und vegetarische Kostformen. Rehabilitation (Stuttg) 2018;57(1):55–70.
11. D-A-CH. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 2. Aufl. Bonn: Deutsche Gesellschaft für Ernährung; 2019.

Bild: © amixstudio/stock.adobe.com

Wissenschaftsnews