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Auszeit vom Screen: Digital entschleunigen mit „Digital Detox“

„Digital Detox“ – hipper Trend oder wohltuende Selbst-Therapie? Die COVID-19-Pandemie hätte ohne die Umstellung auf Video-Meetings, virtuelle Weiter- und Fortbildungen und ausgeklügelte Online-Prozesse weitere Arbeitswelten zum Erliegen gebracht. Und auch für den Alltag neben dem Berufsleben gilt: Via Smartphone und vor allem dank „Apps“ sind wir informiert und vernetzt – mit Freunden und Familie, für Gesundheit, Mobilität und Kommunikation. Doch senden Körper und Geist selbst Signale, der Überfütterung oder Überlastung, ist es Zeit, sich eine Auszeit vom Screen zu verordnen. Und digital zu entgiften.

Liken, Chatten, Quizzen – der Status quo

Eine Studie der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn stellt konkrete Zahlen neben die vieldiskutierte digitale Dauerablenkung: Dass wir aus dem Liken, Chatten und Quizzen manchmal nicht herauskommen, beweist der Takt von 18 Minuten, in dem wir an einem 16- Stunden-Tag im Schnitt unser Handy anschalten oder -tippen. Ganze 88 Mal zücken wir das Smartphone, oftmals zur Kontrolle der Uhrzeit, seltener um ein Telefonat an- oder aufzunehmen. Wir führen in dieser Zeit aber auch etwa 53 Interaktionen mit dem Smartphone durch, am häufigsten über Social Apps wie WhatsApp, Facebook, Instagram, für Spiele und Online-News, aber auch um den Wetterdienst und Navigations- und Online-Bankingsysteme zu nutzen. Die Konsequenz konstatiert Prof. Alexander Markowetz, Autor der Studie: „Wir kommen nicht mehr in den sogenannten Flow – also in den Zustand, in dem man seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit konzentriert und Glück empfindet. Diesen Zustand erreicht man eigentlich nach etwa 15 Minuten. Wir aber nicht, weil wir uns viel zu oft unterbrechen. Das macht unproduktiv und vor allem unglücklich.“1

Wer in den Bann der lockenden Angebote auf dem Smartphone, neuer digitaler Freunde und scheinbar grenzenloser Aufmerksamkeit gezogen wird, der kommt im schlimmsten Falle in einen so genannten „Techno-Stress“. Und der hinterlässt Spuren. Umfragen zeigen, dass sich zuweilen 68 % aller Smartphone-Besitzer einbilden, dass ihr Handy vibriert – obwohl es still und leise in der Tasche steckt.2 Das zwanghafte Checken von E-Mails, Nachrichten und Likes kann zu Dauerstress führen, verursacht Konzentrations- und Schlafstörungen. Ärzte sprechen in diesem Zusammenhang von einer Abhängigkeit vom Smartphone. Hinter der Sucht nach sozialer Aufmerksamkeit oder interessanten Nachrichten verbirgt sich das Verlangen nach einem Gefühl und ein biologisch erklärbarer Vorgang: Das Überraschungsmoment des surrenden Handys löst die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin in unserem Gehirn aus.1

Digitales Entgiften und seine Folgen

Doch nicht nur beim „Smartphone-Junkie“ lohnt sich die digitale Entgiftung. Wer am Ende eines vollen Arbeitstages mit vielen Kundengesprächen oder konzentrierten Arzneimittel-Bestellungen mithilfe der computergestützten Software nach Hause kommt, der kann leicht erproben, ob Auszeiten vom Bildschirm guttun.

Um die Effekte einer Abstinenz von Social Media ging es den Forschern der Nottingham Trent University. Welche Auswirkungen hat eine siebentägige Fastenzeit auf „Fear of Missing Out“ (kurz FOMO, auch als erste Social Media Krankheit bezeichnet: die Angst, in der Online-Welt etwas zu verpassen), auf das mentale Wohlbefinden und das Gefühl der sozialen Verbundenheit, fragten sie in ihrer Studie. Unterm Strich bescheinigen die britischen Forscher ihren Probanden einen deutlichen Anstieg des geistigen Wohlseins und einen deutlichen Abstieg von FOMO und Smartphone-Gebrauch. Sie konnten auch Motive für die Nutzung von Social Media identifizieren: Vermeidung, Gewohnheit und Langeweile.3

Den Luxus der Offline-Welt wieder erlenen

Das aufgeschlagene Buch auf dem Nachttisch, Löcher in die Luft starren an der U-Bahn-Station und der Feierabend-Spaziergang mit dem Partner – kommen wir bei Ritualen in der Offline-Welt aus der Übung? Digital Detox macht Sinn, um in der Informations- und Emotionsflut nicht unterzugehen. Doch eine digitale Achtsamkeit ist der Königsweg. Anstatt das Smartphone eine Woche ins Abseits zu verbannen oder Urlaub im Funkloch zu verbringen, halten Experten einen grundlegend bewussteren Umgang mit dem kleinen Computer für empfehlenswert – und die Einführung einer Smartphone-Etikette am Arbeitsplatz, beim Abendessen oder im eigenen Schlafzimmer.4


Jetzt in unserem Download: Digital Entschlanken. Welche Strategien des Digital Detox im Alltag langfristig nützen. 

 

Quellen:
1. Wüstmann A.Warum Smartphone-Fasten gut tut. 2020. Verfügbar unter www.apotheken-umschau.de/smartphone-fasten [12.11.2020]
2. Hesener B. 7 Tipps für eine digitale Entgiftungskur. 2020. Verfügbar unter www.impulse.de/management/selbstmanagement-erfolg/digital-detox-tipps/7207197.html?conversion=ads [12.11.2020]
3. Brown L, Kuss D. Fear of missing out, mental wellbeing, and social connectedness: A seven-day social media abstinence trial. Int J Environ Res Public Health. 2020; 17(12): 4566.
4. Hamberger B. Digital Detox – so klappt’s mit dem Abschalten. 2020. Verfügbar unter www.tk.de/techniker/magazin/digitale-gesundheit/rund-ums-smartphone/digital-detox-tipps-2055434 [12.11.2020]

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