Perspektive

PD Dr. Beyer: „Phagen interessieren sich nicht für Antibiotika-Resistenzen“

Bakteriophagen sind auf der ganzen Welt verbreitet – auf unserer Haut genauso wie im Mikrobiom unseres Darmes. Seit fast einem Jahrhundert werden diese hochspezialisierten Viren in Ländern der früheren Sowjetunion, insbesondere Georgien, zur Behandlung bakterieller Infektionen eingesetzt. In Deutschland führt die Phagentherapie ein Schattendasein. Woran das liegt und welche Hürden es noch zu überwinden gibt, erklärt Phagenforscher PD Dr. Wolfgang Beyer.

Herr Dr. Beyer, warum ist die Phagentherapie in Deutschland noch nicht etabliert?

Bis Ende der 1940er Jahre war die Phagentherapie in Deutschland durchaus üblich. Deutsche und amerikanische Firmen stellten Phagenpräparate her, mit denen Soldaten im zweiten Weltkrieg behandelt wurden. Der Siegeszug der Antibiotika im Westen verdrängte schließlich das Wissen um die Phagentherapie. Die Länder hinter dem Eisernen Vorhang, die nicht den gleichen Zugang zu modernen Antibiotika hatten, setzten weiter auf ihr klassisches Erfolgsmodell bei bakteriellen Infektionen, die Phagentherapie. Heute fehlt uns die Erfahrung im Umgang mit Phagen.

Was unterscheidet eine Behandlung mit Phagen grundsätzlich von einer Antibiotikatherapie?

Die Interaktion der Bakteriophagen mit ihrem Wirtsbakterium stellt ein sich selbst vermehrendes, sich selbst limitierendes und permanent evolvierendes System dar. Das bedeutet, Bakteriophagen infizieren einen Wirt, vermehren sich in ihm, werden freigesetzt und infizieren den nächsten Wirt. Sind die Bakterien vernichtet, gibt es auch keine Phagen mehr, folglich limitiert sich das System selbst. Evolvierend bedeutet, dass das System veränderbar ist im Sinne von Mutationen, die bei Phagen und Bakterien auftreten können. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied zu einer Therapie mit Chemikalien. Ein weiterer großer Unterschied: Phagen sind extrem spezifisch. Bakteriophagen befallen in aller Regel nur eine bestimmte Bakterienart und häufig auch nur bestimmte Vertreter einer Art. Folglich greifen Bakteriophagen auch nicht die Normalflora an, was ein großer Vorteil ist.

Welche weiteren Vorteile haben Bakteriophagen?

Phagen interessieren sich nicht für Antibiotika-Resistenzen, das heißt, sie befallen auch antibiotikaresistente Bakterien. Außerdem sind Phagen in der Natur weit verbreitet und relativ leicht verfügbar. Falls sie mal nicht mehr wirken, lassen sie sich einfach ersetzen.

Und welche Nebenwirkungen oder Nachteile könnte es geben?

Negative Nebenwirkungen wurden bis heute nicht beschrieben. Im schlimmsten Fall wirken die Phagen einfach nicht. Dann hat man aber in der Regel einiges falsch gemacht. So kann man beispielsweise keine Virusinfektionen – auch kein Coronavirus – mit Phagen behandeln. Sinnvoll wäre eine Phagentherapie bei einem Corona-Patienten nur, wenn dieser gleichzeitig an einer Bakterieninfektion erkrankt ist. Allerdings sind intrazellulär lebende Bakterien für Phagen nicht angreifbar. Daher ist eine Phagentherapie bei Tuberkulose oder Borelliose bislang ebenfalls wirkungslos.

Wie gelangen Phagen an den Ort der Infektion und wogegen werden Phagen eingesetzt?

Phagen und Bakterien müssen sich treffen, das ist Voraussetzung für jegliche Anwendung von Phagen. Häufig werden Phagen topisch angewandt und z. B. auf Wunden aufgebracht. Oder sie werden in Hohlräume transferiert, z. B. bei einer Blaseninfektion. Phagen können sogar intravenös appliziert werden. Klassisch werden Phagen getrunken, wobei zuvor die Magensäure neutralisiert werden muss. Die Phagenpräparate aus Georgien sind so zusammengestellt, dass sie verschiedene klinische Syndrome abdecken, unter anderem gegen Hals-Nasen-Ohren-Infektionen, Magen-Darm-Beschwerden und Wundinfektionen.

Wie weit ist Ihrer Meinung nach noch der Weg bis zu einem arzneimittelrechtlich zugelassenen Phagenpräparat?

Zunächst sollten wir uns fragen, wofür wir Phagen einsetzen wollen. Eine mögliche Antwort wäre, Phagen überall da einzusetzen, wo Antibiotika versagen, also beispielsweise gegen multiresistente Erreger (MRE). Das wäre von extremer Wichtigkeit, da europaweit ca. 33.000 Menschen pro Jahr an MRE versterben.1 Für diese Fälle wäre der Einsatz von Phagen denkbar und ist auch heute schon möglich. Nach der Deklaration von Helsinki darf jeder Arzt bei einem Patienten mit dessen Einwilligung auch eine nicht zugelassene Therapie anwenden, wenn andere bekannte Maßnahmen unwirksam waren.

Um Bakteriophagen generell gegen bakterielle Infektionen einzusetzen, hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) beschlossen, dass Phagen wie ein Medikament zu behandeln und zuzulassen sind – mit allen Voraussetzungen, die dafür notwendig sind, also mit randomisierten, placebokontrollierten klinischen Studien. Diese gibt es aber bis heute nicht.

Aber sind nicht aktuell Projekte wie Phage4Cure auf dem Weg, diese Daten zu liefern?

Im Rahmen dieses Projektes soll eine klinische Studie die Wirksamkeit von Phagen an Patienten mit chronischer Besiedlung durch Pseudomonas aeruginosa in der Lunge untersuchen. Bakterien können jedoch bei längerer Phagentherapie Resistenzen gegen die Phagen entwickeln, die dann nicht mehr wirken. Im Georgi-Eliava-Institut in Tbilisi wird anhand der Isolate von Patienten laufend überprüft, ob die Phagen noch wirksam sind. Alle zwei Jahre wird daher eine neue Charge produziert, welche an die aktuelle epidemiologische Situation angepasst ist. In der Phage4Cure-Studie sind spätere „Anpassungen“ der Phagenmischung nach meiner Kenntnis nicht vorgesehen. Dieses Vorgehen wäre auch mit unserem derzeitigen starren Zulassungsverfahren nicht vereinbar. Zudem verfügen wir auch noch nicht über eine so umfangreiche Phagenbank wie in Georgien.

Was wäre denn eine praktikable Lösung?

Im Projekt PhagoFlow wird gerade die personalisierte Phagenanwendung bei Patienten untersucht, die nach Hüft- oder Knie-Operationen mit multiresistenten Erregern infizierte Wunden haben. Dabei handelt es sich um die sogenannte magistrale Anwendung von Phagen, wie sie in Belgien seit 2018 ganz offiziell zugelassen ist. Dabei kann ein Arzt nach bakterieller Typisierung eine spezifische Phagenmischung für einen Patienten verordnen. Die (Krankenhaus-)Apotheke stellt die individuelle Mixtur unter Berücksichtigung bestimmter Richtlinien her und ein unabhängiges Labor übernimmt die Qualitätskontrolle. Das wäre ein gangbarer Weg auch für Deutschland. Doch selbst bei Überwindung der bürokratischen Hürden könnten wir nicht in wenigen Jahren aufholen, wofür Georgien 80 oder 90 Jahre Zeit hatte.

Herr Dr. Beyer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

Privatdozent Dr. med. vet. Wolfgang Beyer 

lehrt und forscht seit 1992 an der Universität Stuttgart-Hohenheim am Institut für Nutztierwissenschaften. Der Fachtierarzt für Mikrobiologie interessiert sich u.a. für den Einsatz von Phagen im Bereich der Hygiene. PD Dr. Beyer ist außerdem Sprecher des Nationalen Forums Phagen, welches sich 2017 anlässlich des ersten Deutschen Phagen-Symposiums gründete.


Quelle
1. www.rki.de [23.03.2020]

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