Perspektive

Dr. Sturm: „Arthrose können wir nicht heilen, aber weiteren Verschleiß hinauszögern“

Wie viel Bewegung tut den arthrotischen Gelenken gut und können auch anstrengende Sportarten wie Tanzen hilfreich sein? Wann ist Schonung angesagt? Bewegungs-Doc und Rehabilitationsmediziner Dr. Christian Sturm beleuchtet Hintergründe und gibt Tipps.

Herr Dr. Sturm, bei Arthrose spielt bekanntlich körperliche Aktivität eine entscheidende Rolle. Aber ist wirklich immer und für jedes schmerzende Gelenk Bewegung sinnvoll?

Man muss klar unterscheiden, ob die Arthrose selbst für den Schmerz verantwortlich ist, z. B. aufgrund entzündlicher Prozesse, oder der Schmerz eher von den Muskeln und Sehnen um das Gelenk herum ausgeht. Wir erleben mehr Fälle, bei denen ein gezieltes Lockern und Lösen von Faszien und Muskeln um das Gelenk herum die Beschwerden lindern – auch wenn die Arthrose dadurch nicht verschwindet. Etwa 80 Prozent der Patienten, die mit einer Operationsempfehlung in unsere Klinik kommen, können durch entsprechende bewegungstherapeutische Maßnahmen die Gelenk-OP teils um Jahre verschieben. Die Arthrose können wir damit zwar nicht heilen, aber weiteren Verschleiß hinauszögern. Das Wichtigste ist, dass wir den Schmerz reduzieren und wieder Bewegung im Alltag ermöglichen.

Was war denn zuerst da? Resultieren die muskulären Verspannungen aus dem Knorpelverschleiß oder umgekehrt?

Diese Frage trifft genau das Problem: Oftmals ist es so, dass Gelenkverschleiß zwar im Röntgenbild sichtbar ist, aber eher eine Nebendiagnose darstellt, weil der Schmerz beispielsweise durch eine Dysbalance zwischen Innen- und Außenmuskulatur des Oberschenkels verursacht wird. In diesen Fällen können wir sehr gut behandeln und mit gezieltem Training Muskeln aufbauen. Ist die Balance hergestellt, ist das Problem gelöst. Wenn aber die Arthrose die Schmerzursache darstellt und das Gelenk z. B. durch eine Instabilität permanent gereizt wird, kommt es oft vor, dass die umliegenden Muskeln und Faszien sich verhärten und verkürzen. Der Körper versucht auf diese Weise, das Gelenk zu schützen. Das Gehirn entscheidet, die schmerzende Körperregion ruhigzustellen – wie bei einer Baustelle, die man mit Absperrband vor unbefugtem Zutritt sichert. In diesen Fällen sind die Beschwerden meist wiederkehrend, sodass wir mit der konservativen Therapie keine dauerhafte Linderung erzielen.

Darf oder soll man den Schmerz überwinden und trotzdem trainieren? Oder kann auch eine zeitweise Ruhigstellung des betroffenen Gelenks erforderlich sein?

Dazu muss man wissen: Ein geschädigter, aufgerauter Knorpel an sich ist nicht schmerzhaft. Die Arthrose ist nur schmerzhaft, wenn eine Entzündung im Gelenk vorliegt. Ist das Gelenk gerötet, geschwollen und schmerzt, sollte es vorübergehend geschont, aber keinesfalls ruhiggestellt werden. In Bewegung zu bleiben, ist wichtig. Um den entzündlichen Reiz zu reduzieren und um trainingsfähig zu werden, können anfänglich Tabletten und Kortison-Spritzen hilfreich sein. Auch Hausmittel wie Quark- oder Kohlwickel bringen häufig Linderung. Mit einem anschließenden stabilisierenden Training kann es gelingen, eine aktive Arthrose in eine inaktive Arthrose zu überführen. Damit können die meisten Menschen jahrelang gut leben.

Wie viel Bewegung tut den arthrotischen Gelenken gut und was ist zu viel? Darf man beispielsweise seinen schmerzenden Fuß-, Knie- oder Hüftgelenken die oft geforderten 10.000 Schritte pro Tag zumuten?

Da gibt es keine pauschale Regel oder Richtwerte. Es kommt immer auf das individuelle Problem an: Welches Gelenk ist betroffen? Wie stark sind die Schmerzen? Wie stark ist der entzündliche Reiz? In einer akuten Phase sind 10.000 Schritte sicher zu viel. Selbst nachdem die Entzündung abgeklungen ist, sollte man eher vorsichtig mit 2.000 Schritten starten und sich langsam und kontinuierlich steigern. Für jeden das richtige Maß zu finden, ist die Herausforderung für uns in der Rehabilitation.

Ist der ausgeübte Kraftaufwand wichtig? Oder reicht es, mit dem E-Bike locker und ohne Anstrengung zu radeln, um so beispielsweise die Kniegelenke passiv zu bewegen?

Passiv ist besser als garkeine Bewegung, damit das Gelenk nicht versteift. Tut selbst das schon weh, muss man der Sache auf den Grund gehen. Oft ist es die Kniescheibe, die durch die Muskeln zu weit nach außen oder innen gezogen wird. Krafttraining ist insofern wichtig, weil starke Muskeln dem Gelenk mehr Stabilität geben. Radfahren und Crosstrainer sind bei Kniearthrose besonders empfehlenswert. Man trainiert gleichzeitig Kraft und Ausdauer, ohne wie beim Joggen die Gelenke zu stauchen.

Wie ist es mit anstrengenden Sportarten wie Tanzen? Sinnvoll oder schädlich?

Dazu gibt es seit kurzem interessante Ergebnisse aus einer Kohortenstudie, in der über 1.000 Personen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Kniearthrose bis zu 10 Jahre lang beobachtet wurden.1 Die Forscher wollten herausfinden, ob belastende Sportarten wie Joggen, Tennis, Skifahren und Tanz-Aerobic mit einem erhöhten Arthrose-Risiko verbunden sind. Dabei zeigte sich, dass das Ausüben dieser Sportarten unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Gewicht nicht mit dem Risiko einer Kniearthrose verbunden war.1 Im Gegenteil: Möglicherweise können diese Sportarten sogar vor der Entwicklung einer Kniegelenkarthrose schützen, sofern sie maßvoll betrieben werden, z. B. 1–2 Stunden pro Woche.1 Bei bereits bestehender Arthrose sollte allerdings die jeweilige Sportart nicht übertrieben werden.

Welche Hilfsmittel können von Ärzten und Apothekern empfohlen werden, um Arthrose-Patienten bei der körperlichen Aktivität zu unterstützen?

Kurzfristig, in der akuten Phase eingesetzt, können Orthesen, Bandagen oder Tapes hilfreich sein. Besser man bewegt sich mit Bandagen als gar nicht. Auch präventiv, z. B. vor einer längeren Wanderung oder vor dem Skifahren, kann eine Bandage unterstützen. Allerdings sollte man diese nicht zu oft und nicht zu lange anwenden. Durch die Entlastung werden ansonsten Propriozeption, Kraft und Stabilität auf Dauer geschwächt.

Herr Dr. Sturm, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Dr. med. Christian Sturm ist leitender Oberarzt in der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Orthopäde, Unfallchirurg und Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin ist vielen als einer der Bewegungs-Docs aus der gleichnamigen NDR-Sendung bekannt. Dr. Sturm verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und ist überzeugt, dass mit bewegungstherapeutischen Maßnahmen viele Gelenkoperationen über Jahre hinausgezögert werden können.

 

Quelle:

[1] Chang AH, Lee JJ, Chmiel JS, et al. Association of long-term strenuous physical activity and extensive sitting with incident radiographic knee osteoarthritis. JAMA Netw Open 2020;3(5):e204049.

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