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Effluvium und Alopezie – eine haarige Angelegenheit

Starkes und dichtes Haar ist Sinnbild für Jugend, Schönheit, Gesundheit und Erfolg.1 Verstärkter Haarausfall (Effluvium) über einen längeren Zeitraum führt im schlimmsten Fall zu sichtbarer Haarlosigkeit (Alopezie).2 Mit zunehmendem Alter nimmt die häufigste Form des Haarausfalls, die androgenetische oder anlagebedingte Alopezie, typischerweise zu.1 Ab dem 70. Lebensjahr leiden etwa 80 % der Männer und bis zu 42 % der Frauen an androgenetischer Alopezie (AGA).1 Aus biologisch-medizinischer Sicht sind Haare keine notwendige Voraussetzung für unser Überleben, aber für unser Wohlbefinden in einem sozialen Umfeld.

Betroffene mit dünner werdendem Haar fühlen sich weniger attraktiv, weniger liebenswert und weniger erfolgreich – und werden oft genauso von ihren Mitmenschen wahrgenommen, wie psychologische Experimente gezeigt haben.3–5 Männliche und weibliche Probanden im Alter von 18 – 66 Jahren, denen Bildpaare von Männern mit vollem Kopfhaar und deutlich sichtbarem Haarausfall vorgelegt wurden, sollten ihren ersten Eindruck zu den Personen auf den Fotos wiedergeben. Die kahl werdenden Herren wurden als weniger körperlich anziehend, weniger selbstbewusst, weniger erfolgreich empfunden und wurden insgesamt weniger gemocht. Zudem wurden die Personen mit vollem Haar um 2 – 3 Jahre jünger geschätzt, während die mit lichtem Haar im selben Ausmaß für älter gehalten wurden.4

Ein Teufelskreis, der den Haarausfall fördert

Bei manchen Menschen kann bereits der geringste Haarausfall verheerend für das Selbstwertgefühl, das Selbstbild und die Lebensqualität sein.6,7 Wie sehr die kahlen Stellen auf dem Kopf die Psyche belasten, haben Dermatologen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in einer Übersichtsarbeit beschrieben.8 Demnach bedeutet der Haarverlust für die Betroffenen großen psycho-emotionalen Stress, der häufig zu einer Einschränkung der Lebensqualität und sekundärer Morbidität führt. Das Leiden einiger Patienten kann ein Niveau erreichen, bei dem die Belastung durch Haarausfall vergleichbar ist mit der, die durch viele schwerere chronische oder lebensbedrohliche Krankheiten verursacht wird.8 Zudem wird Stress seit langem als einer der kausalen Faktoren für Haarausfall betrachtet.8 Als Reaktion auf den Haarausfall kann Stress auch zur Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung des Effluviums beitragen und einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis auslösen.8

Mikronährstoffe, die das Haar von innen stärken

Die Ursachen für dünner werdendes Haar sind vielfältig. Neben akutem oder chronischem Stress können u. a. hormonelle Schwankungen, systemische Erkrankungen, Medikamente sowie ein Mangel an Makro- und Mikronährstoffen für den Haarverlust verantwortlich sein.9 Ein Defizit an Proteinen kann beispielsweise zu brüchigem und sprödem Haar sowie zu Haarausfall führen.10 Insbesondere die schwefelhaltigen Aminosäuren L-Cystein und L-Methionin sind Ausgangssubstanzen für die Keratinsynthese und damit grundlegende Elemente für gesundes, kräftiges Haar.10 L-Cystein ist Bestandteil des antioxidativen Schutzsystems, L-Methionin ist für die Cystein-Synthese erforderlich. Die Wachstumsrate, der Haardurchmesser sowie die Proteinsynthese sind abhängig von ausreichend L-Cystein. Vitamin B6 erhöht noch die Aufnahme von L-Cystein in das Keratin.10 B-Vitamine sind generell wichtig für stoffwechselaktive Gewebe wie die Haarfollikel, die eine hohe Teilungsrate und daher einen entsprechend hohen Energiebedarf aufweisen. Zu den Spurenelementen, denen eine wichtige Rolle für das Haarwachstum zugeschrieben werden, gehören Zink, Kupfer und Selen.10

Bestimmte Inhaltsstoffe aus der Hirse (Panicum miliaceum) können ebenfalls einen positiven Einfluss auf das Haarwachstum ausüben. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen den ernährungsphysiologischen Nutzen von Miliacin, einem natürlichen Bestandteil des Hirseöls.11–13

 

Quellen
1. Kanti V, Messenger A, Dobos G, et al. Evidence-based (S3) guideline for the treatment of androgenetic alopecia in women and in men - short version. J Eur Acad Dermatol Venereol 2018;32(1):11–22.
2. Wolff H, Fischer TW, Blume-Peytavi U. Diagnostik und Therapie von Haar- und Kopfhauterkrankungen. Deutsches Ärzteblatt 2016;113(21):377–86.
3. Moerman DE. The meaning of baldness and implications for treatment. Clinics in Dermatology 1988;6(4):89–92.
4. Cash TF. Losing hair, losing points?: The effects of male pattern baldness on social impression formation. J Appl Social Pyschol 1990;20(2):154–67.
5. Henss R. Social perceptions of male pattern baldness. A review. Dermatol Psychosom 2001;2(2):63–71.
6. Davis DS, Callender VD. Review of quality of life studies in women with alopecia. Int J Womens Dermatol 2018;4(1):18–22.
7. Reid EE, Haley AC, Borovicka JH, et al. Clinical severity does not reliably predict quality of life in women with alopecia areata, telogen effluvium, or androgenic alopecia. J Am Acad Dermatol 2012;66(3):e97-102.
8. Hadshiew IM, Foitzik K, Arck PC, et al. Burden of hair loss: stress and the underestimated psychosocial impact of telogen effluvium and androgenetic alopecia. J Invest Dermatol 2004;123(3):455–7.
9. Harrison S, Bergfeld W. Diffuse hair loss: its triggers and management. Cleve Clin J Med 2009;76(6):361–7.
10. Goluch-Koniuszy ZS. Nutrition of women with hair loss problem during the period of menopause. Prz Menopauzalny 2016;15(1):56–61.
11. Boisnic S, Branchet MC, Gaillard E, et al. Miliacin associated with polar lipids: effect on growth factors excretion and extracellular matrix of the dermal papilla hair follicle model maintained in survival conditions. Hair Ther Transplant 2016;06(02).
12. Obrigkeit DH, Oepen T, Jugert FK, et al. Xenobiotics in vitro: the influence of L-cystine, pantothenat, and miliacin on metabolic and proliferative capacity of keratinocytes. Cutan Ocul Toxicol 2006;25(1):13–22.
13. Keophiphath M, Courbière C, Manzato L, et al. Miliacin encapsulated by polar lipids stimulates cell proliferation in hair bulb and improves telogen effluvium in women. J Cosmet Dermatol 2020;19(2):485–93.

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