Sternengucker

Wintersechseck: Ein Blick in den Sternenhimmel

Auch wenn jeder von uns sein Sternzeichen kennt, weiß nur kaum jemand das dazugehörige Sternbild am Himmel zu finden. Als Leiter der traditionsreichen Landessternwarte Heidelberg lädt Prof. Dr. Andreas Quirrenbach Sie dazu ein, die faszinierende Welt der Sterne am Winterhimmel zu entdecken. Ein Phänomen, das dem Betrachter in dieser Jahreszeit direkt ins Auge springt, ist das Wintersechseck. Es besteht aus sechs besonders hellen Sternen, die jeweils zu einem bekannten Sternbild gehören: 1. Capella (Fuhrmann), 2. Aldebaran (Stier), 3. Rigel (Orion), 4. Sirius (Großer Hund), 5. Prokyon (Kleiner Hund) und 6. Pollux (Zwillinge). Sie wollen wissen wie Ihre Sterne stehen? Werfen Sie zusammen mit dem Profi einen Blick hinter die Kulissen des Universums.

Lieber Prof. Dr. Quirrenbach, Sie sind Institutsleiter der Landessternwarte Königstuhl. Wie können wir uns Ihre Tätigkeit vorstellen?

Meine Arbeit ist weniger romantisch, als die meisten wahrscheinlich denken. Die Sternwarte hier in Heidelberg wurde 1898 gegründet und war zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den modernsten Teleskopen dieser Zeit ausgestattet. In den 1960er und 70er Jahren hat sich die Astronomie jedoch grundsätzlich geändert. In diesem Zuge wurden internationale Teleskope gegründet, die von mehreren Ländern gemeinsam genutzt werden. So betreibt Europa zum Beispiel ein Observatorium in Chile.

Das heißt, die Beobachtungen von Sternen und Planeten, die die Grundlage unserer Forschungen sind, werden nicht mehr hier betrieben. Stattdessen sind unsere Arbeitsgeräte weltweit verteilt. Zum Teil fliegen wir dort persönlich hin, um unsere Beobachtungen durchzuführen, zum Teil geben wir an die Observatorien durch, welche Daten wir benötigen. Des Weiteren ist unser Institut Experte für den Bau von Instrumenten für Observatorien. Diese werden hier geplant, in unserer Werkstatt hergestellt und schließlich weltweit zur Verfügung gestellt. Im Tausch dafür bekommen wir wertvolle Teleskopzeit. Nicht zuletzt gehört neben Gremien- und Verwaltungsarbeit natürlich auch die universitäre Lehre zu meinem Aufgabenfeld.

Was sehen Sie im Gegensatz zu anderen Menschen, wenn Sie nachts den Blick in den Himmel richten?

Ehrlich gesagt sehe ich hier in Heidelberg genau so viel wie die meisten Deutschen. Oder besser gesagt: genau so wenig. Denn wie viele Länder der Welt leidet auch Deutschland unter zunehmender Lichtverschmutzung. Das heißt, nachts wird es wegen der Beleuchtung nicht mehr richtig dunkel. So können wir am Nachthimmel nur noch die Sterne entdecken, die besonders hell leuchten. An einem Standort, an dem es rundherum dunkel ist, sieht man viele Male mehr Sterne und sogar die Milchstraße. Darum liegen große Observatorien immer an besonders abgelegenen Orten wie zum Beispiel den Anden. Aber nicht nur die Lichtverschmutzung ist für die Astronomie ein echtes Problem, sondern auch Satellitenschwärme wie sie im Rahmen von Projekten wie Starlink ins All geschossen werden. Immer häufiger ruinieren sie die Beobachtungen der Observatorien. Nicht zuletzt verschwindet mit all diesen Entwicklungen auch ein Stück Kulturgut der Menschheit, nämlich der Nachthimmel.

Hat der Blick ins Universum Ihre Sicht auf die Erde verändert?

Absolut. Ein Blick in die Tiefe des Weltalls macht sichtbar, wie klein und fragil die Erde ist. Diese Insel ist alles, was wir haben, und zugleich stellt sie nur einen Punkt im Weltall dar. In mir hat diese Erkenntnis große Ehrfurcht erzeugt und das Bewusstsein, wie groß die Verantwortung ist, die wir als Menschheit für die Erde tragen. Ein weiterer Aspekt ist eher beruflicher Natur. Nachdem es für mehr als 2.000 Jahre eine philosophische Frage war, ob es noch anderes Leben im Universum gibt, ist dies nun Schwerpunkt meiner Forschung. Der Ausgangspunkt war die erste Entdeckung eines Planeten, der um einen sonnengleichen Stern kreist, im Jahr 1995. Die Entdecker erhielten dafür im letzten Jahr den Nobelpreis für Physik. Inzwischen wurden tausende andere Planetensysteme entdeckt. Wir erfahren dadurch, wie unser Sonnensystem entstanden ist und können dies in einen größeren Zusammenhang einordnen. Außerdem verstehen wir nun besser, warum die Erde genauso aussieht, wie sie ist. So konnte die chemische Zusammensetzung der Erde nur entstehen, weil es hier Leben gibt. Zum Beispiel in Form von Pflanzen, die Sauerstoff produzieren und diesen an die Atmosphäre abgeben.

Was sollte man am Winterhimmel gesehen haben?

Da ist natürlich zuerst das Wintersechseck. Es bezeichnet die sechs Sterne, die man im Winter aufgrund ihrer Helligkeit besonders deutlich sehen kann. Wichtig zu wissen: Sie bilden kein eigenes Sternbild, sondern sind Teil bekannter Formationen wie Stier, Zwillinge und Fuhrmann. Wer etwas tiefer in die Sterne blicken möchte, dem empfehle ich den Griff zum Fernglas. Am Winterhimmel lassen sich die Hyaden und die Plejaden besonders gut beobachten. Es handelt es sich dabei um sogenannte Sternenhaufen, die beide im Sternzeichen Stier zu finden sind. Ebenfalls ein interessantes Beobachtungsobjekt ist der Orionnebel. Er ist das mittlere Objekt im Schwert des Orion und auch mit dem Fernglas zu erkennen. Hier entstehen aktuell viele junge Sterne. Wer es ein bisschen aufwändiger mag, kann in die Fußstapfen von Galileo Galilei treten und die Jupitermonde untersuchen. Wenn man Abend für Abend hinsieht und die Konstellation aufzeichnet, kann man wie er entdecken, dass die Monde tatsächlich um den Jupiter kreisen. Die Entdeckung, dass Planeten sich unabhängig von Sonne und Erde umeinander bewegen, hat damals unser Weltbild revolutioniert. Einzige Voraussetzung: Man muss vorab prüfen, zu welcher Zeit Jupiter am Nachthimmel zu sehen ist. In der Weihnachtszeit wird er nach Sonnenuntergang am südwestlichen Horizont zu sehen sein.

Lieber Professor Quirrenbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

 

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