Professor Dr. Klaus Baum: „Eine Faszie können Sie nicht isoliert behandeln“

Professor Dr. Klaus Baum: „Eine Faszie können Sie nicht isoliert behandeln“

Perspektive

Seit einigen Jahren gibt es einen Hype um das Faszientraining. Das Geschäft mit Faszienrollen und -kursen boomt. Was die Rollenmassage bewirken kann, was wissenschaftlich belegt ist und worin Risiken bestehen können, verrät der renommierte Physiologe und Sportwissenschaftler Professor Dr. Klaus Baum im Interview.

Herr Professor Baum, was sind eigentlich Faszien und welche Funktion haben sie?

Faszien gehören zum Binde- und Stützgewebe. In der Muskulatur beispielsweise ist jede einzelne Muskelfaser von Bindegewebe umhüllt. Die Muskelfaserbündel, in denen mehrere Muskelfasern zusammengeschlossen sind, werden ebenfalls von Bindegewebe umschlossen. Viele dieser Bündel bilden den Muskel, der wiederum von Bindegewebe umgeben ist. Der ganze Muskel ist dann noch einmal von einer sehr festen Faszie überzogen. Ohne diese Anordnung wäre eine Kraftübertragung nicht möglich. Letztendlich ist der gesamte Körper zur Stabilisierung mit Faszien durchzogen – vergleichbar mit den Pfeilern und Stützen bei einem Fachwerkhaus. Allerdings passen sich Faszien sowie das nach innen gehende Binde- und Stützgewebe den Belastungen an.

Was bedeutet das genau?

Bei einem Langstreckenläufer beispielsweise, der sich nur innerhalb eines geringen Gelenkwinkelbereichs bewegt, sind die Faszien optimal auf die Anforderung beim Laufen eingestellt. Will er sich die Schuhe zubinden, bereitet ihm das möglicherweise Probleme. Man sagt, ein Läufer, der sich nicht regelmäßig dehnt, habe die Geschmeidigkeit einer Bahnschranke.

Wäre Faszientraining in dem Fall nicht sinnvoll?

Mich stört der Begriff „Faszientraining“, weil Sie Faszien nicht isoliert behandeln können. Wir sprechen eher von „Myofascial Release“. Faszien sind außerdem nichts Neues, darüber wurde auch schon zu meinen Studienzeiten gesprochen. Wenn Sie sich dehnen – auf Neudeutsch stretchen – bringen Sie Ihre Faszien auf Spannung und können so Ihre Beweglichkeit kurzfristig erhöhen. Für den Läufer ist das möglicherweise gar nicht von Vorteil, weil Muskulatur und Faszien bereits ideal an die benötigte Amplitude angepasst sind.

Was geschieht bei der Rollenmassage physiologisch und was kann diese bewirken?

Die hohen Kräfte, die mechanisch beim Rollen u. a. auf die intrafaszialen Kollagenstrukturen einwirken, können zu einer vorübergehenden Erhöhung der Flexibilität der Faszien führen. Sogenannte „Verklebungen“, das sind über Kollagenbrücken miteinander verbundene Kollagenfaserstrukturen, können mit der Rollenmassage gelöst werden. Die Ausbildung dieser Kollagenbrücken stellt eine funktionelle Adaptation dar, z. B. auf einen durch Stress erhöhten Muskeltonus. Verspannungen können so zwar vorübergehend gelöst werden. Auch Verspannungsschmerzen werden gelindert. Faszien sind ausgeprägt mit Rezeptoren versehen, die durch die Rollenmassage gereizt werden und das Schmerzempfinden modulieren, sodass anschließend Schmerzen geringer wahrgenommen werden. Die Ursache von Verspannungen kann jedoch nur in einem komplexen Behandlungsgeschehen und nicht allein mit der Faszienrolle behoben werden.

Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für positive Wirkungen der Rollenmassage, z. B. auf die sportliche Leistungsfähigkeit?

Es gibt insgesamt nur wenige Studien, die zudem mit sehr kleinen Fallzahlen durchgeführt wurden. Die Autoren einer aktuellen Metaanalyse fanden insgesamt 21 wissenschaftliche Studien, in denen Atlethen Faszienrollen entweder vor dem Sport zum Aufwärmen oder danach zur Erholung eingesetzt haben.1 Die Auswirkungen der Rollenmassage auf die Leistungsfähigkeit und Erholung war eher gering und teilweise vernachlässigbar.1 In einigen Fällen könnte der Einsatz der Schaumstoffrollen relevant sein, räumten die Autoren ein, z. B. um die Sprintperformance und Flexibilität kurzfristig zu erhöhen oder das Schmerzempfinden der Muskeln zu reduzieren.1

Sind auch Nebenwirkungen bzw. negative Auswirkungen durch Faszientraining bekannt?

Wenn Sie eine Faszienrolle einsetzen, werden nicht nur die Faszien behandelt, auch Muskeln und Blutgefäße. Während ein Physiotherapeut bei einer Massage immer darauf Acht geben wird, von der Peripherie zum Zentrum hin zu massieren, wird das beim Einsatz einer Faszienrolle möglicherweise nicht beachtet. Wer einfach nur hin- und her rollt, kann durch den Druck auf die Gefäße die Venenklappen beschädigen und einer venösen Insuffizienz – sprich Krampfadern – Vorschub leisten.

In welchen Bereichen kann Ihrer Meinung nach „Myofascial Release“ sinnvoll sein?

Schon seit den 80er Jahren ist bekannt, dass bei einer Plantarfasziitis durch gezielte Dehnung der Plantarfaszie eine Verbesserung der Schmerzen erzielt werden kann. In einer randomisierten kontrollierten Studie, in der Myofascial Release (MFR) mit einer zum Schein durchgeführten Ultraschallbehandlung verglichen wurde, zeigten die mit MFR behandelten Patienten eine signifikant stärkere Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung als die in der Kontrollgruppe.2 Es mag vermutlich noch weitere Bereiche geben, in denen Erfolge durch MFR erzielt werden. Daher gilt hier der von Hippokrates geprägte Satz „Wer heilt, hat Recht.“

Herr Professor Baum, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

Professor Dr. rer. nat. Klaus Baum ist Physiologe und Sportwissenschaftler. Professor Baum ist Hochschullehrer an der Deutschen Sporthochschule Köln und lehrt an der Trainerakademie Köln. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die physiologischen Grundlagen der Leistung und Trainingsanpassung im Alter. In seinem „Trainingsinstitut Professor Dr. Baum“ bieten er und sein Team u. a. niedergelassenen Ärzten Fortbildung auf den Gebieten Leistungsfähigkeit, Training und Ernährung bei spezifischen Indikationen an.

Quellen
[1] Wiewelhove T, Döweling A, Schneider C, et al. A Meta-Analysis of the Effects of Foam Rolling on Performance and Recovery. Front Physiol 2019;10.
[2] Ajimsha MS, Binsu D, Chithra S. Effectiveness of myofascial release in the management of plantar heel pain: a randomized controlled trial. Foot (Edinb) 2014;24(2):66–71.

Bildquelle: © Autorenfoto Professor Dr. Klaus Baum

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