Perspektive

Dr. Beatrice Wagner: Sex nach Plan zum „Fruchtbarkeitsritual“ machen

Vor dem Kinderwunsch berichten viele Paare davon, dass ihr Sexualleben spontan und leidenschaftlich war. Doch wenn sich alles über einen längeren Zeitraum nur noch um die Empfängnis dreht, tritt oft sexuelle Unlust ein, die sogar die Beziehung gefährden kann. Wie Paare mit Kinderwunsch diese Drucksituation meistern können, wollten wir von der erfahrenen Sexualtherapeutin Dr. Beatrice Wagner wissen.

Frau Dr. Wagner, wieso ist unerfüllter Kinderwunsch eigentlich ein Lustkiller? Ist fehlende Spontaneität, Erwartungsdruck oder noch etwas anderes schuld daran?

Lust generiert sich aus drei Dimensionen – eine davon ist der Kinderwunsch. Die anderen sind der Sexualtrieb und der Wunsch nach Nähe und Intimität. Insofern sind Lust, Sex und Kinderwunsch eng miteinander verbunden. Bei einem unerfüllten Kinderwunsch kann es sein, dass der Partner, der dafür vermeintlich verantwortlich ist, für den anderen an Attraktivität verliert. Der unfruchtbare Partner wird manchmal durch den anderen unbewusst abgewertet. Es kann auch zu impliziten Schuldzuweisungen kommen, z. B. wenn die Frau eine Hormonbehandlung „über sich ergehen lassen muss“, weil der Partner vermindert zeugungsfähig ist. Der Betroffene kann aber auch selbst aufgrund der Diagnose „Unfruchtbarkeit“ ein vermindertes Selbstwertgefühl entwickeln. Dabei ist das Selbstwertgefühl für die Lust ganz entscheidend.

Inwieweit trägt die „Technisierung“ der Reproduktionsmedizin zur sexuellen Unlust bei?

Wir müssen hier unterscheiden: Zum einen gibt es den Sex nach Plan, der auf den optimalen Zeitpunkt für eine Empfängnis ausgerichtet ist. Es gibt die Masturbation zur Insemination, die In-vitro-Fertilisation (IVF) und die ICSI-Behandlung, die intrazytoplasmatische Spermieninjektion mit Embryotransfer. Mit der Technisierung ändert sich das Körpergefühl und die Unmittelbarkeit geht verloren. Muss das Paar beispielsweise zu einem bestimmten Zeitpunkt Sex haben, weil alles auf diesen Zeitpunkt hin optimiert worden ist, beginnen die Probleme. Für den Mann ist der Leistungsdruck enorm und oftmals fehlt den Paaren die Lust, weil die Vorbereitungen schon so viel Kraft gekostet haben. Mancher Mann beschreibt, dass er sich wie ein Zuchthengst fühlt. Die Frau empfindet die Verantwortung als Last, dass es jetzt klappen muss. Hinzu kommt, dass der Dopaminausstoß im Belohnungszentrum des Gehirns bei beiden Beteiligten ausbleibt. Wenn kein Orgasmus erlebt wird, der Verkehr sich irgendwie schal anfühlt und zur Pflichtübung verkommt, wird der Sex mit dem Partner als unangenehmes Ereignis gespeichert. Und dieses wiederholt sich Monat für Monat – bis man gar nicht mehr will. Viele der Paare, die das so erlebt haben, sagen mir, sie würden anderen Kinderwunschpaaren von dem Vorgehen abraten, weil dies die Paarbeziehung nachhaltig belastet oder sogar zerstört.

Man sagt, das wichtigste Sexualorgan des Menschen sei das Gehirn. Was können Paare tun, um nicht permanent die Basaltemperaturkurve und das fertile Zeitfenster im Kopf zu haben?

Mir ist aufgefallen, dass Paare häufig im Urlaub schwanger werden. Ich glaube, dass der ganze Stress um den Kinderwunsch ein Verhütungsmittel ist. Deshalb sollten Paare alles, tun, um die Situation zu entspannen. Die Paare könnten aus dem Sex nach Plan ein „Fruchtbarkeitsritual“ machen. Damit das Kind auf besonders liebevolle Art gezeugt wird, könnten sie sich einmal im Monat zum Sex verabreden und diesen dann als besonderes Ereignis zelebrieren, vorher ein Bad nehmen, die Beine rasieren, Kerzen anzünden… Statt „wir müssen jetzt“, heißt es „wir gönnen uns das jetzt“. Außerdem rate ich, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Denn oftmals verschweigen die Partner ihre Gedanken, Minderwertigkeitsgefühle, Erfolgsdruck oder Versagensängste voreinander. Es kann hilfreich sein, sich als Paar zwei oder drei Stunden bei einem Sexualtherapeuten zu gönnen, um zu lernen, die Gefühle zu äußern.

Was ist mit Paaren, die sich im ICSI-Verfahren befinden oder über eine Samen- bzw. Eizellspende nachdenken?

Diesen Paaren rate ich dringend zu einer therapeutischen Begleitung. Insbesondere, wenn es zu einer Insemination mit dem Samen eines anderen Mannes kommt oder bei der Eizellspende sind psychische Probleme vorprogrammiert. Denn dabei handelt es sich um eine „Familiengründung zu dritt“, denn drei Erwachsene sind daran beteiligt. Manche Kinderwunschzentren verlangen ausdrücklich eine psychologische Beratung bereits vor der Behandlung. Zu guter Letzt sollte sich jedes Paar die Frage stellen, woher der Kinderwunsch kommt. Ist es überhaupt der eigene Wunsch oder sind es die Eltern, die sich ein Enkelkind wünschen? Übt vielleicht die Familie Druck aus, wie es bei Paaren mit Migrationshintergrund öfter vorkommt? Auch hier kann therapeutische Hilfe sinnvoll sein.

Was raten Sie Paaren außerdem gegen den Frust mit der Lust in der Kinderwunschphase?

Gegen die Lustlosigkeit beim Sex nach Plan kann die „Spritzen-Methode“ Abhilfe schaffen. Dabei masturbiert der Mann, fängt das Sperma auf und zieht das Ejakulat in eine Spritze. Damit kann die Frau sich anschließend selbst inseminieren. Was zunächst absurd klingt, hilft dabei, den psychischen Druck herauszunehmen. Die Methode ist einfach, kostengünstig und entlastet die Paare, wenn diese zum idealen Empfängniszeitpunkt wirklich keine Lust auf Sex haben.

Frau Dr. Wagner, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!


Dr. Beatrice Wagner ist eine erfahrene Paar- und Sexualtherapeutin. Sie praktiziert in München und in Icking. Außerdem ist die Diplom-Sexualmedizinerin Lehrbeauftragte für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erfolgreiche Buchautorin. Beatrice Wagner hat mit Oswalt Kolle das Buch „Sex: Die 10 Todsünden“ geschrieben. Kolles Lebensauftrag hat sie übernommen – das offene und ehrliche Reden über Sex.

 

Bildquelle: ©Nele Martensen

Wissenschaftsnews