Perspektive

Isabel García: Lassen Sie sich Gehör schenken

Das Zuhören ist wahnsinnig wichtig. Nur so sind wir achtsam genug, herauszufinden, was unser Gegenüber braucht, damit wir uns verstehen.“ Isabel García: „Wir wollen uns gesehen, gehört und geliebt fühlen.“ Wir kommunizieren ständig, immer mehr und immer schneller. Gleichzeitig sagt uns ein Gefühl, keiner hört mehr richtig zu. Unsere Gespräche kommen oft nicht an. Jetzt ist es Zeit, Revue passieren zu lassen, nachzudenken und sich neu zu justieren. Stimm-Expertin und Rednerin Isabel García macht Ihnen ein Geschenk: Sie verrät Ihnen das Geheimnis guten Zuhörens und klangvoller Rede.

Frau García, Kommunikation bedeutet nicht nur Reden, sondern auch Zuhören. Wie wichtig ist das Zuhören für eine gelungene Kommunikation?

Immens wichtig. Ein gutes Gespräch bedeutet, dass wir unser Gegenüber sehen und wahrnehmen, wie er ist. Gesprächspartner möchten gesehen, gehört und gefühlt werden. Ich sage immer, eines unserer Grundbedürfnisse ist es, geliebt zu werden. Das passt zur Weihnachtszeit – das Fest der Liebe. Wir können das aber hauptsächlich, wenn wir uns in Andere hineinversetzen, in ihren Mokkasins laufen. Und das bedeutet, gut zuhören – die Basis eines Gesprächs, einer gelungenen Kommunikation.

In unserer rastlosen Zeit haben viele Menschen verlernt, ihren Gesprächspartnern zuzuhören. Was können Gründe dafür sein?

Wir sind daran gewöhnt, ständig etwas zu tun, uns abzulenken. Immerzu sind Menschen um uns herum, wir schreiben schnell ein paar E-Mails, WhatsApp-Nachrichten oder wir telefonieren. In öffentlichen Verkehrsmitteln hat jeder Kopfhörer im Ohr. Wir machen kaum Pause, sind perfektionistisch veranlagt. Zuhören braucht dagegen Zeit. Es ist das Gegenteil von Multitasking. Wir konzentrieren uns auf die eine Person, die spricht. Die Stille beim Zuhören gilt es auszuhalten. Das fällt uns heute immer schwerer. Nutzen Sie die Adventszeit, um es wieder zu üben und herunterzukommen.

Die Ruhe, die wir zum Zuhören brauchen, müssen wir also wieder trainieren. Wie können wir das anstellen?

Eine gute Methode ist meiner Ansicht nach das Improvisieren, das ich häufig mit Führungskräften übe. Wenn wir improvisieren, sind wir gezwungen, dem Gesprächspartner zuzuhören. Schließlich könnte die Unterhaltung eine Wendung nehmen. Wir bleiben spontan, wenn wir schauen, was der andere gerade denkt. Außerdem arbeiten wir an dem Punkt weiter, den uns unser Gesprächspartner vorgegeben hat. Ich rate auch dazu, sich für Gespräche ruhige, ungestörte Orte zu suchen. Statt einer Betriebsweihnachtsfeier ist das vertrauliche Einzelgespräch eine gute Übung. Stellen Sie Fragen und lassen Sie sie wirken. Versuchen Sie, den anderen zu sehen, hinzuhorchen, was er meint. Machen Sie öfter eine Pause und geben Sie sich auch selbst den Raum, das Gehörte zu verarbeiten. Halten Sie Blickkontakt, denn die Ohren richten sich auf das Geräusch aus, das die Augen betrachten.

Nicht nur das Zuhören fällt uns (zunehmend) schwer. Viele glauben, keine guten Redner zu sein. Woran liegt das?

Das hat ein wenig mit unserer Natur zu tun. Im Grunde sind wir Gruppentiere. Wir haben einen uralten Gehirnteil, der uns sagt, dass eine Gruppe uns Schutz und Sicherheit bietet. Wenn wir reden, stellen wir uns vor die Gruppe, sind ein Stück weit ausgeschlossen, eine Urangst, die Reflexe wie Flucht und Kampf auslöst. Das ist nicht immer rational. Aber niemand möchte vorgeführt werden. Grundsätzlich kann aber jeder reden, kommunizieren, und verhandeln. Im Freundeskreis und der Familie können wir es ja auch.

Es heißt, der erste Eindruck zählt. Welche Bedeutung haben Präsenz und Stimme?

Da ist schon etwas dran. Wir machen uns einen ersten Eindruck, um das Bild, das wir von einer Person abspeichern, dann bei den nächsten Kontakten immer wieder abzugleichen. Darin steckt aber, dass wir uns immer wieder ein Bild machen. Es gibt also auch einen zweiten Eindruck. Ich halte nicht viel von starren, festgefahrenen Rhetorikregeln, die Präsenz und Stimme beeinflussen. Viel wichtiger ist, dass wir sind, wie wir sind. Authentizität ist entscheidend. Am besten reden und verhandeln wir mit fremden Menschen so, wie wir es mit Freunden tun. Dann fühlen wir uns wohl und können überzeugend sein. Aufgesetztes Verhalten, eine künstlich trainierte Fragetechnik, das fällt auf. Insofern ist es vielversprechender, unsere familiäre Weihnachtsstimmung möglichst lange mit ins neue Jahr zu nehmen und uns wie zu Hause zu fühlen.

Wie wichtig sind Betonung, Klang und Mimik? Halten Sie sich hier an Regeln?

Auch hier rate ich, sich so zu geben, wie man ist. Es gibt Introvertierte und Extravertierte. Sie werden als introvertierte Person wahrscheinlich nicht so erfolgreich sein, wenn Sie sich zu extravertierten Reden zwingen. Das gleicht häufig mehr einem Schauspiel. Überlegen Sie vorher, was Sie erreichen wollen. Eine Affäre oder eine langfristige Beziehung. Mit anderen Worten eine kurze Präsentation, die verschleiert, wer Sie wirklich sind oder eine Rede, bei der Sie sich mit all Ihren Schwächen und Stärken zeigen? Mein Tipp: Spielen Sie mit offenen Karten. Sie wippen gerne beim Reden vor und zurück? Dann tun Sie es. Verschränkte Arme? Kein Problem. Setzen Sie sie bewusst ein.

Gibt es eigentlich wesentliche Unterschiede zwischen der Kommunikation von Mann und Frau?

Nein, eigentlich nicht. Das Gehirn von Männern und Frauen ist ähnlich aufgebaut. Sicher haben die Hormone Effekte auf die Kommunikation. Jedoch sind diese nicht Gottgegeben, sondern können unter anderem durch die Körpersprache beeinflusst werden. Zum Beispiel haben Männer wie Frauen mehr Testosteron im Speichel bei einer aufrechten Körperhaltung. Dadurch wirken sie aggressiver, überzeugender. Auch der Wortanteil ist ähnlich: Männer und Frauen reden gleich viel, nur manchmal über andere Dinge. Die vermeintlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen ist somit eher eine Frage der Sozialisierung, unseres Schubladendenkens in Deutschland. Unterschiede sind also da, aber nur minimal. Deshalb sage ich gerne „Gehen Sie ein paar Meilen in den Mokassins der anderen“ – dann fällt die Verständigung leichter.

Frau García, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Bestsellerautorin und Stimmtrainerin Isabel Garcia zeigt jedermann mit ihrem Motto „Gut reden kann jeder“, wie er sofort besser wirken kann. Sie wirft den Ballast vieler Rhetorikregeln über Bord, ermutigt, den eigenen Weg zu finden und sorgt so für charmante Meetings, aufregende Präsentationen und kurzweilige Vorträge in deutschen Unternehmen. Mittlerweile gibt es sieben Hörbücher und vier Bücher von ihr mit einer Gesamtauflage von über 130.000 Exemplaren.

 

Bild: © Isabel García

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