Wissensvorsprung

Kann man Arthroseschmerzen „wegessen“?

Das vorherrschende Symptom bei Arthrose sind Schmerzen. Inwieweit sich diese durch die Ernährung beeinflussen lassen, wurde in verschiedenen Studien untersucht.1–4 Fettsäuren scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen.2–5

Fast jede zweite Frau über 65 und nahezu jeder dritte Mann im selben Alter leiden an Arthrose.6 Es handelt sich um eine chronische Erkrankung, die im Allgemeinen progredient verläuft. Vorherrschendes Symptom der degenerativen Gelenkerkrankung sind Schmerzen sowie Morgensteifigkeit. Fast jedes Gelenk kann von der Knorpeldestruktion betroffen sein. Die Entstehung ist multifaktoriell, d. h. neben erblichen, entwicklungsbedingten und mechanischen Ursachen spielen auch metabolische Einflüsse sowie geringgradige, lokale Entzündungen eine große Rolle.7 Übergewicht kann das Arthroserisiko um das 2,5-fache erhöhen. Durch eine Normalisierung des Gewichts können Arthroseschmerzen signifikant gelindert werden.8

Pflanzliche Vollwertkost zur Schmerzlinderung

Inwieweit die Umstellung der Ernährung auf eine pflanzliche Vollwertkost die Beschwerden bei Arthrose lindern kann, haben erstmals Forscher der Michigan State University untersucht.1 An der prospektiven, randomisierten, offenen Pilotstudie nahmen 40 Arthrosepatienten teil (mittlerer BMI 29). Die Hälfte der Probanden wurde angehalten, sich für 6 Wochen von pflanzlicher Kost ohne tierische Produkte, d. h. ohne Milch, Eier, Fisch und Fleisch, zu ernähren. Die Teilnehmer in der Kontrollgruppe konnten ihre gewohnte fleischhaltige Kost beibehalten. Die Kalorienmenge wurde nicht begrenzt. Die Vollwertkost war mit einer signifikanten Schmerzreduktion und Verbesserung der Lebensqualität im Vergleich zur fleischhaltigen Kost verbunden.1 Bereits 2 Wochen nach Beginn der Ernährungsumstellung waren die Schmerzen der sich fleischlos Ernährenden signifikant verringert.1 Auch wenn die Interventionsgruppe im Durchschnitt mehr Gewicht verlor als die Kontrollgruppe, halten die Autoren die Gewichtsabnahme nicht für den wesentlichen Faktor bei der Symptomverbesserung. Sie vermuten, dass diese eine Folge der Normalisierung des Fettsäureprofils bzw. einer geringeren Aufnahme von Arachidonsäure (Omega-6-Fettsäure) sein kann.1 Als Vorläufer proinflammatorischer Prostaglandine und Leukotriene trägt die Arachidonsäure zum Entzündungsprozess und zur Schmerzentstehung bei. Während insbesondere Fleisch und Wurstwaren reich an Arachidonsäure sind, kommt diese Omega-6-Fettsäure in pflanzlichen Lebensmitteln nur in Spuren oder gar nicht vor.

Einfluss von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren

Die fleischlastige westliche Ernährung enthält Omega-6-Fettsäuren im Übermaß, jedoch zu wenig Omega-3-Fettsäuren. Bekanntermaßen trägt ein ungünstiges Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren zur Entstehung von Atherosklerose, Adipositas und Diabetes bei.9 Wie eine aktuelle Querschnittstudie zeigt, haben Patienten mit symptomatischer Kniegelenksarthrose und einem Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren im Plasma von ca. 10:1 stärkere Schmerzen und funktionelle Einschränkungen als diejenigen mit einem günstigeren Verhältnis von ca. 5:1.5

Inwieweit sich Gelenkschmerzen und strukturelle Schäden bei Arthrose durch die Ernährung beeinflussen lassen, wurde in verschiedenen Studien untersucht: Im Mausmodell konnte die Fütterung mit Omega-3-Fettsäuren u. a. die Arthroseausprägung vermindern, während gesättigte Fette oder Omega-6-Fettsäuren diese verstärkten.4 Auch bei Katzen und Hunden wurde ein Rückgang der Schmerzen und der Funktionseinschränkungen durch Fischöl-Supplementierung beobachtet.2 Humanstudien liefern ebenfalls Hinweise darauf, dass eine Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren die Symptome einer Arthrose und strukturelle Anomalien positiv beeinflussen.2 So zeigte eine große prospektive Studie mit Arthrosepatienten, dass eine höhere Zufuhr von Fetten und gesättigten Fettsäuren signifikant mit einer Verschmälerung des Gelenkspalts im Kniegelenk einherging.3 Im Gegensatz dazu war eine höhere Zufuhr von einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren und ein höheres Verhältnis zwischen mehrfach ungesättigten:gesättigten Fettsäuren mit einer geringeren Gelenkspaltverschmälerung verbunden.3

Kombination mit Knorpelbestandteilen

Weit verbreitete diätetische Substanzen bei Arthrose sind Glucosamin und Chondroitinsulfat. Die auch als SYSADOAa (oder früher: Chondroprotektiva) bezeichneten Zuckermoleküle und Glykosaminoglykane sind natürliche Bestandteile des Knorpelgewebes. Oral verabreicht können diese als Bausteine für körpereigene Makromoleküle dienen. Wie in einem systematischen Cochrane-Review gezeigt wurde, war Chondroitinsulfat – allein oder in Kombination mit Glucosamin – hinsichtlich der Linderung von Arthroseschmerzen Placebo überlegen.10 In der aktuellen EULARb-Leitlinie wird Chondroitinsulfat zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Funktion bei Patienten mit Fingergelenksarthrose empfohlen.11

Bei Arthrose kann eine fleischlose Vollwertkost hilfreich sein, um Arthroseschmerzen zu lindern und die Gelenkfunktion zu verbessern. Um ein gesundes Fettsäureverhältnis zu erreichen, sollte die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren, z. B. aus Fischöl oder Pflanzenölen wie Raps-, Lein-, Walnuss- oder Hanföl, erhöht werden. Sekundäre Pflanzenstoffe und Vitamine mit antioxidativen Eigenschaften können zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Gelenkfunktion beitragen.12–14

 

Quellen
1. Clinton CM, O'Brien S, Law J, et al. Whole-foods, plant-based diet alleviates the symptoms of osteoarthritis. Arthritis 2015;2015:708152.
2. Loef M, Schoones JW, Kloppenburg M, et al. Fatty acids and osteoarthritis: different types, different effects. Joint Bone Spine 2019;86(4):451–8.
3. Lu B, Driban JB, Xu C, et al. Dietary fat intake and radiographic progression of knee osteoarthritis: data from the osteoarthritis initiative. Arthritis Care Res (Hoboken) 2017;69(3):368–75.
4. Wu C-L, Jain D, McNeill JN, et al. Dietary fatty acid content regulates wound repair and the pathogenesis of osteoarthritis following joint injury. Ann Rheum Dis 2015;74(11):2076–83.
5. Sibille KT, King C, Garrett TJ, et al. Omega-6:omega-3 PUFA ratio, pain, functioning, and distress in adults with knee pain. Clin J Pain 2018;34(2):182–9.
6. Fuchs J, Kuhnert R, Scheidt-Nave C. 12-Monats-Prävalenz von Arthrose in Deutschland. J Health Monitor 2017;2(3):55–60.
7. Robert-Koch-Institut (RKI). Gesundheitsberichtserstattung des Bundes. Heft Nr. 54, Arthrose. Berlin: RKI; 2013. Verfügbar unter www.rki.de [28.08.2019
8. Bliddal H, Leeds AR, Christensen R. Osteoarthritis, obesity and weight loss: evidence, hypotheses and horizons - a scoping review. Obes Rev 2014;15(7):578–86.
9. Simopoulos AP. An increase in the omega-6/omega-3 fatty acid ratio increases the risk for obesity. Nutrients 2016;8(3):128.
10. Singh JA, Noorbaloochi S, MacDonald R, et al. Chondroitin for osteoarthritis. Cochrane Database Syst Rev 2015;1:CD005614. 11. Kloppenburg M, Kroon FP, Blanco FJ, et al. 2018 update of the EULAR recommendations for the management of hand osteoarthritis. Ann Rheum Dis 2019;78(1):16–24.
12. Chin K-Y, Ima-Nirwana S. The role of vitamin E in preventing and treating osteoarthritis - a review of the current evidence. Front Pharmacol 2018;9:946.
13. Grover AK, Samson SE. Benefits of antioxidant supplements for knee osteoarthritis: rationale and reality. Nutr J 2016;15:1.
14. Leong DJ, Choudhury M, Hirsh DM, et al. Nutraceuticals: Potential for chondroprotection and molecular targeting of osteoarthritis. Int J Mol Sci 2013;14(11):23063–85.

a. SYSADOA: symptomatic slow-acting drugs in osteoarthritis
b. EULAR: European League Against Rheumatism

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