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Schützt gesunde Ernährung vor kognitivem Leistungsabbau?

Mit dem natürlichen Alterungsprozess verliert unser Gehirn an Volumen. Bei gesunden 35-Jährigen kann der Verlust ca. 0,2 % pro Jahr, bei gesunden 70-Jährigen schon 0,5 % jährlich betragen.1 Der Volumenverlust an sich mag noch nicht beunruhigen. Doch offenbar besteht ein Zusammenhang zwischen Hirnvolumen und fluider Intelligenz.2 So ist beispielsweise das verbale episodische Gedächtnis, mit dem wir uns Wortreihen, wie die Einkaufsliste vom Vortag, merken können, mit abnehmender Hirnmasse beeinträchtigt.3

Gesündere Ernährung ist mit größerem Hirnvolumen verbunden

Niederländische Forscher haben kürzlich untersucht, ob sich die Qualität der Ernährung auf die Gesundheit des Gehirns und das Hirnvolumen auswirkt.4 In einer Querschnittsstudie mit einer Stichprobe von über 4.000 Teilnehmern zeigte sich, dass eine bessere Ernährungsqualität mit einem größeren Hirnvolumen assoziiert war.4 Die Probanden, die zwischen 46 und 98 Jahren alt (Ø 66 J.) waren und nicht an Demenz litten, wurden regelmäßig gründlich untersucht und zu ihrer Ernährung befragt. Zudem wurden MRT-Hirnscans durchgeführt. Die Nahrungsaufnahme wurde mit Hilfe des „Food Frequency Questionnaire“ bewertet, aus dem ein 14-Punkte-Score („Diet Quality Score“) abgeleitet wurde, welcher die Einhaltung der niederländischen Ernährungsrichtlinien widerspiegelt.

Nach der Bereinigung von Störfaktoren, wie Alter, Geschlecht, intrakraniellem Volumen, Bildung, Energieaufnahme, Rauchen, körperlicher Aktivität und BMI, war ein höherer „Diet Quality Score“ mit einem größeren Volumen von grauer und weißer Substanz sowie des Hippocampus verbunden.4 Diese Assoziation war nicht auf einzelne Ernährungskomponenten zurückzuführen. Jedoch die Kombination aus höherem Verzehr von Gemüse, Obst, Nüssen, Vollkorn, Milchprodukten und Fisch sowie der geringere Verzehr von zuckerhaltigen Softdrinks korrelierten mit größeren Hirnvolumina.4 Die Autoren schlussfolgerten, dass ein gesundes Ernährungsmuster offenbar über den Aufbau neuer Gehirnstrukturen auf die Neurodegeneration Einfluss nehmen und das Gehirn davor bewahren kann, schneller zu schrumpfen, als es physiologisch der Fall ist.4 Die Ergebnisse zeigen das Potenzial der Ernährung, den kognitiven Abbau und das Demenzrisiko zu verringern.4 

Bei mediterraner Kost weniger kognitive Einbußen

Bisher haben erst wenige Studien den Zusammenhang zwischen der Ernährungsqualität und der Gehirngesundheit untersucht, wie in der InCHIANTI-Studie.5 Dabei wurde der Einfluss einer mediterranen Kost betrachtet, die durch einen hohen Verzehr von Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Getreide, Fisch und Olivenöl sowie einen geringen Konsum von Milchprodukten und Fleisch gekennzeichnet ist. 832 Probanden aus der Region Chianti in der Toskana, die zu Studienbeginn mindestens 65 Jahre alt und nicht kognitiv beeinträchtigt waren, wurden bis zu 18 Jahre lang regelmäßig auf ihre kognitive Leistungsfähigkeit untersucht und zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt.5 Die Forscher setzen den „Mediterranean Diet Score“ (MDS, mit einer Skala von 0 – 9) ein, um die Einhaltung der traditionellen mediterranen Ernährung zu bewerten. Bei 28,5 % der Teilnehmer wurde ein Rückgang der kognitiven Fähigkeiten im Beobachtungszeitraum beobachtet. Mit jeder Erhöhung des MDS um einen Punkt nahm das Risiko eines kognitiven Rückgangs um 13 % ab.5 Diese Assoziation blieb auch nach Bereinigung um demographische und klinische Störfaktoren bestehen. Diejenigen mit dem höchsten Kosum an mediterraner Kost hatten ein um 52 % geringeres Risiko für eine Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit (OR = 0,48; 95 % CI: 0,29-0,79).5 Der protektive Effekt war bei einem hohen Gemüseverzehr am stärksten ausgeprägt, gefolgt von Fisch und Hülsenfrüchten.5

Mikronährstoffe, die zur kognitiven Funktion beitragen können

Die mediterrane Kost ist reich an Mikronährstoffen, die für den Aufbau und Erhalt neuronaler Strukturen unerlässlich sind, darunter Carotinoide, Vitamin E, Polyphenole und mehrfach ungesättigte Fettsäuren.5 Omega-3-Fettsäuren, insbesondere Docosahexaensäure (DHA), sind an Aufbau und Reifung der neuronalen Strukturen beteiligt.6 DHA trägt zur Erhaltung der normalen Gehirnfunktion bei. Hauptquelle für Omega-3-Fettsäuren sind fetter Seefisch, z. B. Lachs, Makrele, Hering und Sardinen.

Neuronale degenerative Prozesse gehen mit oxidativem Stress einher.6 Die Vitamine B2, C und E sowie Zink und Selen tragen zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress bei. Stark antioxidativ wirksam sind Oligomere Proanthocyanidine (OPC), die in hoher Konzentration z. B. in Traubenkernen vorkommen. In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen lieferten Hinweise darauf, dass OPC zur Linderung einer Alzheimer-Demenz beitragen können.7 Eine Studie der Universität Oxford hat gezeigt, dass die Supplementierung mit B-Vitaminen die Rate der Hirnatrophie bei älteren Menschen, die unter Hyperhomocysteinämie und leichten Gedächtnisproblemen litten, verringern konnte.8

 

Quellen
1. Schippling S, Ostwaldt A-C, Suppa P, et al. Global and regional annual brain volume loss rates in physiological aging. J Neurol 2017;264(3):520–8.
2. Nave G, Jung WH, Karlsson Linnér R, et al. Are bigger brains smarter? Evidence from a large-scale preregistered study. Psychol Sci 2019;30(1):43–54.
3. Aljondi R, Szoeke C, Steward C, et al. A decade of changes in brain volume and cognition. Brain Imaging Behav 2019;13(2):554–63.
4. Croll PH, Voortman T, Ikram MA, et al. Better diet quality relates to larger brain tissue volumes: The Rotterdam Study. Neurology 2018;90(24):e2166-e2173.
5. Tanaka T, Talegawkar SA, Jin Y, et al. Adherence to a mediterranean diet protects from cognitive decline in the invecchiare in chianti study of aging. Nutrients 2018;10(12).
6. Prina M, Albanese E. Nutritional factors and dementia prevention. In: Alzheimer’s Disease International, Herausgeber. Nutrition and dementia: a review of available research. London, p. 31–44.
7. Lian Q, Nie Y, Zhang X, et al. Effects of grape seed proanthocyanidin on Alzheimer's disease in vitro and in vivo. Exp Ther Med 2016;12(3):1681–92.
8. Smith AD, Smith SM, Jager CA de, et al. Homocysteine-lowering by B vitamins slows the rate of accelerated brain atrophy in mild cognitive impairment: a randomized controlled trial. PLoS ONE 2010;5(9):e12244.

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