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Oh, du Fröhliche… Melodien machen stark

Jetzt kommt sie wieder, die kalte Jahreszeit, die uns mit den kurzen Tagen und langen Nächten, dem Schmuddelwetter und der schlafenden Natur auf das Gemüt schlägt und das Immunsystem herausfordert. Wie schön ist da die Weihnachtsstimmung im Advent. Gemeinsam mit der Familie oder Freunden ein paar Weihnachtslieder anzustimmen und bei Kerzenlicht, Glühwein und Plätzchen den Abend zu genießen, das ist Balsam für die Seele. Aber Musik kann mehr als Gefühle anregen, das haben verschiedene Untersuchungen herausgefunden. So soll das Singen im Chor nicht nur für gute Laune, sondern auch für messbar weniger Stress sorgen. Lieblingsmelodien haben offenbar Einfluss auf den Blutdruck. „Es gibt überzeugende Belege dafür, dass musikalische Therapien in ganz unterschiedlichen medizinischen Bereichen heilsam wirken können“, sagt auch der US-amerikanische Psychologe Daniel Levitin von der Berkeley Universität in Kalifornien.1 Aber wie funktioniert das? Und was ist besser: Selbst musizieren oder Musik konsumieren?

Chorsingen senkt den Cortisol-Spiegel

In einer Studie mit Tumorpatienten2 wurde der Einfluss des Chorsingens auf psychologische und biologische Parameter untersucht. An der Untersuchung nahmen 193 Menschen teil, darunter solche, die Krebspatienten betreuen (n = 72), Hinterbliebene von Tumorpatienten (n = 66) und Betroffene (n = 55). Vor dem Musizieren beantworteten die Studienteilnehmer Fragen in Bezug auf ihren aktuellen Gefühlszustand sowie auf Ängste und Depressionen. Gleichzeitig wurden Speichelproben entnommen. Sie alle sangen dann 70 Minuten in einem Chor. Am Ende der Chorstunde wurden wieder Fragebögen ausgefüllt und Speichelproben entnommen. Aus allen Speichelproben wurden Erkenntnisse über den Einfluss des Singens auf das Immunsystem (Cortisol-Spiegel, Cytokine) gewonnen. Außerdem wurden die beiden Neuropeptide Oxytocin und Beta-Endorphin daraus bestimmt. Das Chorsingen führte zu einer deutlichen Verbesserung der Stimmung der Befragten. Der gefühlte Stress und die Ängste wurden weniger. Je schlechter sich die Studienteilnehmer vor dem Singen fühlten, desto größer waren die Effekte. Während der Cortisol-Spiegel und die Spiegel der Neuropeptide sanken, erhöhten sich die Werte der Cytokine, was für eine Beteiligung des Immunsystems spricht. Wie die einzelnen Effekte wirklich zusammenspielen, muss noch genau untersucht werden. Beim Solo-Singen konnten übrigens keine vergleichbaren Effekte festgestellt werden.3 Ob das Solo-Singen Stress auslöst?

Musik hören ist gut für die Herzgesundheit

Auch das Hören von Musik kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken: Lieblingsmelodien verbessern offenbar bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung die Gefäßfunktion, so das Ergebnis einer serbischen Studie, an der 74 Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit teilnahmen.4 Die Probanden wurden in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe nahm an einem dreiwöchigen Fitnessprogramm teil (n = 33). Eine weitere verfolgte dasselbe Fitnessprogramm und hörte täglich 1,5 Stunden lang ihre Lieblingsmusik (n = 31). In der dritten Gruppe wurde nur Musik gehört. Anhand verschiedener Blutmarker (Stickoxide (NOx), Xanthinoxidase (XO)), wurde die Endothelfunktion bestimmt, denn in Zusammenhang mit kardiovaskulären Risikofaktoren und bei kardiovaskulären Erkrankungen büßt das Endothel an Funktionsfähigkeit ein. Insbesondere die Bildung des für die Autoregulation des Blutdrucks wichtigen NOx nimmt ab. Xanthinoxidase ist zwar für die Harnsäurebildung verantwortlich. Erhöhte Harnsäurespiegel stehen aber in Verdacht, das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen zu erhöhen. Bei Patienten mit Koronarerkrankungen sind die Erhöhung der NOx und die Senkung der XO daher ein wichtiges Therapieziel. Durch das Training und besonders durch die Kombination von Training und Musikhören konnten die Stickoxide im Blut erhöht werden. Selbst in der Gruppe der Probanden, die nur Musik hörten, stiegen die Werte an. Gleichzeitig sank die Xanthinoxidase. Das Hören von als angenehm empfundener Musik kann also zu einer Verbesserung der Endothelfunktion beitragen – möglicherweise durch die Ausschüttung von Endorphinen, wie die Autoren der Studie vermuten.

Mozart, Strauss oder ABBA?

Eine deutsche Studie5 will bessere Ergebnisse mit Mozart und Strauss als mit ABBA erzielt haben, weil die Textbotschaften in Liedern den Kopf zu sehr beschäftigen. 120 Studienteilnehmer hörten 25 Minuten lang Stücke von W. A. Mozart, J. Strauss oder ABBA bzw. lauschten gar keiner Musik. Gemessen wurden der Blutdruck, die Herzfrequenz und der Kortisolspiegel. Der Blutdruck sank am deutlichsten, wenn Mozarts Symphonie Nr. 40 (Köchelverzeichnis 550) abgespielt wurde. Auf den Kortisolspiegel hatte der Musikstil keinen deutlichen Einfluss.

Ob selbst musiziert oder Melodien konsumiert – beides scheint sich gut auf unsere Gesundheit auszuwirken. Denken wir in der „stillen Nacht“ daran und „lassen Sie uns froh und munter sein“!

 

Quellen
1. Levitin D. This is your brain on music – understanding a human obsession. Penguin Books Ltd. 2019, ISBN: 978-0-241-98735-3
2. Fancourt D et al. Singing modulates mood, stress, cortisol, cytokine and neuropeptide activity in cancer patients and carers. Ecancer 2016; 10: 631.
3. Schladt TM et al. Choir cersus solo singing: effects on mood, and salivary oxytocin and cortisol concentrations. Front Hum Neurosci 2017; 11: 430.
4. Deljanin Ilic M et al. Effects of music therapy on endothelial function in patients with coronary artery disease participating in aerobic exercise therapy. Altern Ther Health Med 2017; 23(3): pii: at5491.
5. Trappe H-J, Voit G. Einfluss unterschiedlicher Musikstile auf das Herz-Kreislauf-System. Dt Ärztebl 2016; 113(20): 347-352.

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