Wissensvorsprung

Mikronährstoffe bei Kindern „Anstupser“ für mehr Obst und Gemüse

Viele Kinder und Jugendliche brauchen Verhaltensstupser, sogenannte „Nudges“, damit sie sich gesünder ernähren.1,2 Der Begriff wurde vor ca. 10 Jahren von Richard Thaler, Verhaltensökonom, und seinem Coautor Cass Sunstein geprägt.3 Die Autoren verstehen darunter eine Methode, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne dabei Verbote oder Gebote anzuwenden.3 Ein solcher „Nudge“ kann beispielsweise die Art der Präsentation des Essens sein.2 So aßen Kinder im Alter von 4 - 7 Jahren fast doppelt so viel Obst, wenn dieses optisch ansprechend angeboten wurde, z. B. auf Cocktailstäbchen aufgespießte Früchte, die in einer Wassermelone steckten.4 Auch die Vielfalt des Angebots kann als Anstupser wirken: Kinder im Vorschulalter verzehrten mehr Obst und Gemüse, wenn ihnen eine Auswahl an Sorten, z. B. Gurken, Paprika und Tomaten, angeboten wurde gegenüber nur einer Sorte.5 Dem Gemüse interessante Namen zu geben, wie „Dinosaurierbaum-Brokkoli“, „Anti-Nies-Erbsen“ oder „Superpower-Satsumas“ kann ebenfalls ein wirksames „Nudging“ sein, das Kinder zu gesünderem Essen animiert.1

Mikronährstoffdefizite bei Kindern und Jugendlichen

Wie wichtig solche Maßnahmen sind, wird von Untersuchungen zu Essgewohnheiten von Kindern untermauert, die gezeigt haben, dass Kinder häufig nicht genügend Obst und Gemüse zu sich nehmen.6–8 Nur etwa eines von zehn Kindern verzehrt hierzulande die empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag.8 Etwa 13 % der Kinder und Jugendlichen kommen nicht einmal auf eine Portion täglich.8 Die 11- bis 17-Jährigen essen sogar deutlich weniger Gemüse als noch vor etwa 10 Jahren.8 Mikronährstoffdefizite bei Kindern und Jugendlichen sind daher keine Seltenheit.9 Wie der European Nutrition and Health Report zeigt, ist die Zufuhr der Vitamine A, D und E sowie Folsäure, Zink, Eisen und Selen bei vielen Kindern unzureichend.10 Doch ausgerechnet diese Mikronährstoffe spielen im Immunsystem eine wichtige Rolle und werden für eine starke Abwehr benötigt.11 Möglicherweise ist die Immunabwehr vieler Kinder und Jugendlichen nicht stark genug, um mit Erkältungsviren fertig zu werden. Daten zur 12-Monats-Prävalenz von infektiösen Atemwegserkrankungen zeigen: 88,5 % der befragten Kinder und Jugendlichen hatten innerhalb der letzten 12 Monate mindestens eine Erkältung bzw. einen grippalen Infekt.12 Insbesondere Infektionen der oberen Atemwege zählen bei Kindern zu den häufigsten Gründen für einen Besuch beim Arzt.13

Vitamine A, D und E bei Atemwegsinfektionen signifikant erniedrigt

Ob es einen Zusammenhang zwischen den Serumspiegeln der Vitamine A, D und E und dem Auftreten rezidivierender Atemwegsinfektionen (RRTI) bei Kindern gibt, wurde in einer chinesischen Fall-Kontroll-Studie untersucht.14 In die Studie eingeschlossen waren 1200 Kinder im Alter von ca. 4 Jahren, von denen 600 an RRTI litten, aktuell aber keine Symptome zeigten.14 Die anderen 600 gesunden Probanden, die in Alter und Geschlecht mit der RRTI-Gruppe übereinstimmten, dienten als Kontrollgruppe. Der Gesundheitszustand der Kinder war in beiden Gruppen vergleichbar, gemessen anhand von Body-Mass-Index, Leukozyten-Anzahl und Hämoglobin-Wert.14 Die Serumwerte der Vitamine A, D und E waren in der RRTI-Gruppe jedoch signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe.14 Die Daten deuten darauf hin, dass geringere Serumkonzentrationen der Vitamine A, D und E mit rezidivierenden Atemwegsinfektionen assoziiert sind.14 Die Autoren schlussfolgern u. a., dass mit Vitaminen angereicherte Lebensmittel oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln dazu beitragen könnten, die Serumspiegel der Vitamine A, D und E zu erhöhen und das Auftreten von rezidivierenden Atemwegsinfektionen bei Kindern zu reduzieren.14

Gute Vitamin-A-Lieferanten sind tierische Lebensmittel, z. B. Rinderleber, Butter, Käse und Milch. Das in pflanzlicher Nahrung vorkommende ß-Carotin kann der Körper in Vitamin A umwandeln. Reich an ß-Carotin sind Karotten, aber auch rote Paprika, Tomaten, Spinat und Brokkoli.

Vitamin D wird hauptsächlich durch die Einwirkung von Sonnenlicht auf die Haut produziert. In den Wintermonaten kann es daher in unseren Breiten zu einem Vitamin-D-Mangel kommen. Nur wenige Lebensmittel, z. B. fetthaltige Fische wie Aal, Hering, und Lachs, enthalten Vitamin D in größeren Mengen.

Vitamin E wird ausschließlich von Pflanzen produziert und steckt in zahlreichen Lebensmitteln, die auch Kinder gern essen, z. B. im Müsli und hier vor allem in Nüssen, Sonnenblumenkernen und Leinsamen. Eine gute Vitamin-E-Quelle sind auch Pflanzenöle, v. a. Weizenkeim- und Sonnenblumenöl.

Vitamin C kann die Dauer der Infektion verkürzen

Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass selbst bei unkomplizierten viralen Atemwegsinfektionen noch immer zu häufig Antibiotika eingesetzt werden,13 obwohl diese weder die lokalen Beschwerden, noch das Allgemeinbefinden oder die Krankheitsdauer relevant beeinflussen.15 Inwieweit eine Supplementierung von Vitamin C bei Kindern einer akuten viralen Atemwegsinfektion vorbeugen und deren Dauer verkürzen kann, haben französische Forscher aktuell in einer Metaanalyse untersucht.16 Insgesamt wurden 8 randomisierte, kontrollierte Doppelblind-Studien mit 3.135 Kindern im Alter von 3 Monaten bis 18 Jahren eingeschlossen.16 Die Auswertung ergab, dass eine Supplementierung von Vitamin C die Dauer der Infektion um 1,6 Tage signifikant verkürzte (p = 0,009).16 Die Erkältung verhindern konnten die Vitamin-C-Gaben hingegen nicht.16 Die Forscher schlussfolgerten, dass in Anbetracht der Häufigkeit akuter Atemwegsinfektion und der Unbedenklichkeit von Vitamin C die Supplementierung gerechtfertigt sei, insbesondere bei Kindern unter 6 Jahren und bei Personen, die häufig erkältet sind.16

Mit Zink gegen Erkältung und Atemwegsinfektionen

Für ein funktionierendes Immunsystem ist auch das Spurenelement Zink unerlässlich. Zink moduliert nicht nur die zellvermittelte Immunität, sondern hat auch antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften.17 Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie hat den Einfluss von Zink auf die Erkältungssymptome bei 120 Kindern im Alter von 4 bis 8 Jahren untersucht.18 Im Vergleich zu Placebo verkürzte die 7-tägige Supplementierung von Zink signifikant die Dauer der Erkältung und verbesserte die Schwere der Erkältungssymptome.18 Darüber hinaus wurde die stärkste Verbesserung in der Interventionsgruppe in den ersten 3 Tagen beobachtet.18


Quellen
1. Marcano-Olivier M, Pearson R, Ruparell A, et al. A low-cost Behavioural Nudge and choice architecture intervention targeting school lunches increases children's consumption of fruit: a cluster randomised trial. Int J Behav Nutr Phys Act 2019;16(1):20.
2. Lycett K, Miller A, Knox A, et al. ‘Nudge’ interventions for improving children's dietary behaviors in the home: A systematic review. Obesity Medicine 2017;7:21–33.
3. Thaler RH, Sunstein CR. Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness. New York, NY: Penguin; 2009.
4. Jansen E, Mulkens S, Jansen A. How to promote fruit consumption in children. Visual appeal versus restriction. Appetite 2010;54(3):599–602.
5. Roe LS, Meengs JS, Birch LL, et al. Serving a variety of vegetables and fruit as a snack increased intake in preschool children. Am J Clin Nutr 2013;98(3):693–9.
6. Grimm KA, Kim SA, Yaroch AL, et al. Fruit and vegetable intake during infancy and early childhood. Pediatrics 2014;134 Suppl 1:S63-9.
7. Robert Koch-Institut. Obst- und Gemüsekonsum. Faktenblatt zu KiGGS Welle 1: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Berlin; 2015. Verfügbar unter www.rki.de. [27.08.2019].
8. Robert Koch-Institut. Sports and dietary behaviour among children and adolescents in Germany. Results of the cross-sectional KiGGS Wave 2 study and trends. Journal of Health Monitoring 2018;3(2):3–22.
9. Maggini S, Pierre A, Calder PC. Immune function and micronutrient requirements change over the life course. Nutrients 2018;10(10).
10. Elmadfa I, Meyer A, Nowak V, et al. European Nutrition and Health Report 2009. Forum Nutr 2009;62:1–405.
11. Alpert PT. The role of vitamins and minerals on the immune system. Home Health Care Management & Practice 2017;29(3):199–202.
12. Kamtsiuris P, Atzpodien K, Ellert U, et al. Prävalenz von somatischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2007;50(5-6):686–700.
13. Simon A, Tenenbaum T, Huppertz HI, et al. Diagnose und Therapie von Atemwegsinfektionen (ohne ambulant erworbene Pneumonie) bei ambulant behandelten Kindern ohne schwerwiegende Grunderkrankung. Monatsschr Kinderheilkd 2017;165(8):711–24.
14. Zhang X, Ding F, Li H, et al. Low Serum Levels of Vitamins A, D, and E Are Associated with Recurrent Respiratory Tract Infections in Children Living in Northern China: A Case Control Study. PLoS ONE 2016;11(12):e0167689.
15. AkdÄ. Atemwegsinfektionen. 3. Aufl. Köln: Arzneimittelkomm. der Dt. Ärzteschaft; 2013.
16. Vorilhon P, Arpajou B, Vaillant Roussel H, et al. Efficacy of vitamin C for the prevention and treatment of upper respiratory tract infection. A meta-analysis in children. Eur J Clin Pharmacol 2019;75(3):303–11.
17. Prasad AS. Impact of the discovery of human zinc deficiency on health. J Trace Elem Med Biol 2014;28(4):357–63.
18. Gholamzadeh Baeis M, Qasemzadeh MJ. Zinc sulfate: an effective micronutrient for common colds in children: a double-blind placebo controlled trial. Jundishapur J Chronic Dis Care 2017;6(4):e55010.

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