Perspektive

Prof. Dr. med. Hans Hölschermann „40.000 Hypertoniker im vollen Westfalen-Stadion“

Männliche Hypertoniker haben im Vergleich zu weiblichen ein geringeres Bewusstsein für die eigene Erkrankung. Sie werden seltener behandelt und seltener gut eingestellt.1,2 Durch Vorsorge und Selbstmessung könnte der Bluthochdruck frühzeitig erkannt werden. Doch wie kommt die Vorsorge an den Mann?

Herr Professor Hölschermann, wann liegt medizinisch betrachtet ein Bluthochdruck vor und sind die (Ziel-)Werte für Männer und Frauen gleich?

In Europa beginnt Bluthochdruck bei 140/90 mmHg.3,4 Dieser Wert gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Die Amerikaner haben sich aufgrund einer einzigen Studie auf niedrigere Werte festgelegt; in den USA liegt die Grenze zur Hypertonie bei 130/80 mmHg.5 Hierzulande therapieren wir in der Regel erst ab 140/90. Nur bei sehr hohem kardiovaskulärem Risiko, z. B. bei Diabetespatienten oder Nierenkranken, kann auch schon ab 130/85 eine Pharmakotherapie sinnvoll sein.4 Der Zielwert für alle Patienten liegt bei 130/80 oder niedriger.4 Als optimal wird ein Blutdruck von unter 120/80 angesehen, als normal unter 130/85.4

Von wie vielen Menschen mit Bluthochdruck sprechen wir eigentlich?

In Deutschland hat etwa ein Drittel der Erwachsenen Bluthochdruck; Männer etwas häufiger als Frauen.6 Unter den 30- bis 64-jährigen Männern ist jeder zweite hyperton.6 Bei den über 65-Jährigen sind es schon fast zwei Drittel.6 Stellen Sie sich das vollbesetzte Westfalen-Stadion vor, mindestens 40.000 sind Hypertoniker. Von denen weiß wiederum die Hälfte nicht, dass sie einen Hypertonus haben. Und diejenigen, die es wissen, werden oftmals nicht ausreichend behandelt. Die Folgen sehen wir täglich in der Klinik: Schlaganfall, Herzinfarkt, chronische Nierenerkrankungen.

Welche Maßnahmen zur Prävention und Früherkennung halten Sie für sinnvoll?

Das Wichtigste ist, seinen Blutdruck zu kennen. Wer ihn noch nicht kennt, sollte gleich morgen in der Apotheke den Blutdruck messen lassen. Allerdings reicht für die Diagnose eine einzelne Messung nicht aus. Der Blutdruck sollte mehrfach, mindestens an zwei verschiedenen Tagen gemessen werden. Bei normalem Blutdruck reicht es, in fünf Jahren erneut zu kontrollieren. Wer knapp an der Grenze zu 140/90 ist, sollte besser jährlich messen. Das ist die effektivste Maßnahme, eine unerkannte Hypertonie frühzeitig zu entdecken. Zur Prävention kann auch jeder etwas tun, z. B. sich mehr bewegen, auf Normalgewicht achten, Alkohol und Kochsalz reduzieren und nicht rauchen.

Welche Rolle spielen dabei Gesundheits-Apps und Gadgets?

Besonders Männer lassen sich oft dafür begeistern, ihre Puls- und Blutdruckwerte über eine Smartwatch zu erfassen und via App zu verwalten. „BlutdruckDaten“ oder „BNK CardioCoach“ sind beispielsweise kostenlose Apps, die sich seit einigen Jahren bewährt haben. Die Ergebnisse einer aktuellen Metaanalyse geben Hinweise darauf, dass Apps dabei helfen können, das Selbstmanagement bei Bluthochdruck und die Therapietreue zu verbessern.7

Stichwort „Gamification“, wie ist hier der Stand der Forschung? Kann über den Spieltrieb das Gesundheitsverhalten positiv beeinflusst werden?

Wissenschaftlich ist das noch nicht ausgewertet. Aber es gibt schon gute Beispiele: Im Rahmen eines Projektes haben die Schweizer eine Gaming-App für Bluthochdruckpatienten entwickelt. Die Nutzer wurden dazu aufgefordert, zu bestimmten Orten in der Schweiz zu wandern, um dort virtuelle Objekte und Gegenstände zu sammeln. Außerdem waren Apotheken auf der virtuellen Landkarte gekennzeichnet, wo sich die Spieler direkt ihren Blutdruck messen lassen konnten. Manche spornt der Wettbewerbsgedanke an, wie z. B. bei der App „3dots - Fitness und Ernährung“. Mit wechselnden Herausforderungen motiviert die App dazu, sich täglich mehr um die eigene Gesundheit zu kümmern. Nutzer haben dabei 24 Stunden Zeit um etwa ein Workout zu absolvieren oder bestimmte gesunde Lebensmittel auszuprobieren. Ich glaube aber, dass wir mit solchen digitalen Tools eher die jüngere Generation erreichen.

Haben Sie zum Schluss noch ein paar Tipps für Ärzte und Apotheker, wie Sie insbesondere Männer zur Vorsorge motivieren können?

In meinen Patienten-Seminaren habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Männer am ehesten über ihre Technikaffinität und den Appell an ihre Intelligenz erreichen lassen. Der Mann kontrolliert schließlich regelmäßig Ölstand und Luftdruck bei seinem Wagen. Selbst wenn moderne PKWs das elektronisch machen, so lässt man es doch nicht vollkommen unbeobachtet. Genauso klug und vorausschauend ist es, auch seinen Blutdruck ab und an zu checken. Und statt Männern vorzurechnen, wie hoch ihr Herzinfarkt-Risiko ist, sollte man lieber aufzeigen, wie leistungsfähig sie bleiben können, wenn sie regelmäßig zum Check-up gehen.

Herr Professor Hölschermann, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

Prof. Dr. med. Hans Hölschermann ist Chefarzt der Medizinischen Klinik I, Kardiologie und Angiologie, und Leiter der internistischen Intensivstation der Hochtaunus-Kliniken gGmbH Bad Homburg. Der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie ist seit 2015 im Beirat der deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V.

Quellen

1. Sarganas G, Neuhauser HK. The persisting gender gap in hypertension management and control in Germany: 1998 and 2008-2011. Hypertension research official journal of the Japanese Society of Hypertension 2016;39(6):457–66.
2. Joffres M, Falaschetti E, Gillespie C, et al. Hypertension prevalence, awareness, treatment and control in national surveys from England, the USA and Canada, and correlation with stroke and ischaemic heart disease mortality: a cross-sectional study. BMJ Open 2013;3(8):e003423.
3. Williams B, Mancia G, Spiering W, et al. 2018 ESC/ESH Guidelines for the management of arterial hypertension. Eur Heart J 2018;39(33):3021–104.
4. Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz-und Kreislaufforschung e.V. (2019)/Deutsche Hochdruckliga e.V. ESC/ESH Pocket Guidelines. Management der arteriellen Hypertonie. Version 2018. Grünwald: Börm Bruckmeier Verlag GmbH; 2019. Verfügbar unter leitlinien.dgk.org/files/2019_Pocket_Leitlinie_Hypertonie_Version2018.pdf. [10.09.2020].
5. Whelton PK, Carey RM, Aronow WS, et al. 2017 ACC/AHA/AAPA/ABC/ACPM/AGS/APhA/ASH/ASPC/NMA/PCNA Guideline for the Prevention, Detection, Evaluation, and Management of High Blood Pressure in Adults: Executive Summary: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Task Force on Clinical Practice Guidelines. Hypertension 2018;71(6):1269–324.
6. Neuhauser H, Kuhnert R, Born S. 12-Month prevalence of hypertension in Germany. Journal of Health Monitoring 2017;2(1):51–7.
7. Li R, Liang N, Bu F, et al. The effectiveness of self-management of hypertension in adults using mobile health: systematic review and meta-analysis. JMIR Mhealth Uhealth 2020;8(3):e17776.

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