Perspektive

Prof. Dr. med. Klaus-Michael Braumann: „Auch wenig Bewegung zeigt bei Fatigue oft Erfolge“

Fatigue ist als Syndrom bekannt, das als Begleiterscheinung verschiedener Krankheiten wie Rheuma, MS, Parkinson und auch im Rahmen der Therapie verschiedener Krebserkrankungen sowie bei Mangelernährung auftreten kann. Doch das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) stellt eine eigenständige Erkrankung mit noch ungeklärter Ursache dar. Körperliche Aktivität kann nachweislich die Symptome verbessern.

Herr Professor Braumann, wie genau macht sich Fatigue bemerkbar?

Das Chronische Fatigue-Syndrom ist eine Erkrankung, die durch eine anhaltende, medizinisch unerklärliche Müdigkeit gekennzeichnet ist.1,2 In der Regel besteht die Erschöpfungsneigung seit längerer Zeit und ist so stark ausgeprägt, dass die Betroffenen psychisch und physisch kaum belastbar sind. Das bedeutet, dass viele ihren Beruf nicht mehr ausüben können oder ihre Ausbildung abbrechen müssen. Es kann zu Problemen mit der Konzentration und dem Kurzzeitgedächtnis kommen und auch zu einer Überempfindlichkeit gegen äußere Reize.1,2 Manche klagen über Schlafstörungen, andere über Kopf- und Gelenkschmerzen.2 Viele CFS-Erkrankte leiden unter Kreislauf-Problemen. Das alles beeinträchtigt die Lebensqualität der CFS-Betroffenen massiv1 und, wie man jetzt weiß, sogar stärker als bei Schlaganfall-, Rheuma- oder MS-Patienten.3

Wie häufig tritt das Erschöpfungssyndrom auf und wer ist davon betroffen?

Da in Studien unterschiedliche diagnostische Kriterien verwendet wurden, variieren hier die Angaben über die Prävalenz des CFS. Man geht von 2 bis 20 von 1.000 Erwachsenen in den USA aus.2 Wobei Kinder und Jugendliche auch betroffen sein können. In Deutschland leben geschätzt etwa 300.000 – 400.000 Menschen mit CFS, doch die Dunkelziffer ist hoch.4 Frauen erkranken deutlich häufiger daran als Männer. Eine eindeutige Ursache ist bisher nicht bekannt. Es gibt verschiedene Hypothesen, u. a. Virusinfekte als Auslöser, die dazu führen, dass manche Menschen Defekte in ihrem Immunsystem oder Energiestoffwechsel davontragen. Fatigue kann aber auch als Begleiterscheinung verschiedener chronischer Krankheiten auftreten, z. B. bei Krebs, Rheuma, MS oder Parkinson. Auch eine Chemo- oder Immuntherapie steht im Verdacht, Fatigue auszulösen, wie auch Mangelernährung und Gewichtsverlust als Ursachen in Betracht kommen.

Woran kann ein Arzt oder Apotheker Fatigue erkennen? Gibt es einfache Differenzierungskriterien, z. B. zu einem Burnout?

Leider existiert kein spezifischer diagnostischer Test. Daher wird CFS oft nicht erkannt oder mit Burnout bzw. einer anderen psychischen Erkrankung verwechselt. CFS lässt sich nur auf Grundlage der Symptome und unter Ausschluss anderer Erkrankungen, welche diese Symptome verursachen können, diagnostizieren. Wenn Grunderkankungen und Mangelzustände ausgeschlossen wurden, z. B. ein Tumorgeschehen, eine Eisenmangel-Anämie oder eine Schilddrüsenunterfunktion, die Müdigkeit jedoch über Monate anhält und sich nicht bessert, sollte man an CSF denken.

Welche Rolle hat Bewegung bei Fatigue und welche Arten von Bewegung sind bei Fatigue nachweislich erfolgreich?

Tatschlich hat ein aktuelles Cochrane-Review gezeigt, dass Bewegungstherapie moderate positive Effekte auf die Müdigkeit bei Erwachsenen mit CFS hat.2 Alle Formen von regelmäßiger körperlicher Aktivität in geringer bis moderater Intensität sind hilfreich bei Fatigue. Die britische Gesundheitsbehörde spricht in ihren Empfehlungen für Menschen mit CFS von einer »Graded exercise therapy«,5 einer abgestuften Bewegungstherapie. Dieser evidenzbasierte Ansatz beinhaltet, gemeinsam mit dem Patienten individuelle, realistische Ziele festzulegen und die Dauer der Aktivitäten dann schrittweise langsam zu erhöhen.5 Je nachdem, wie sehr ein Patient betroffen ist, kann er damit beginnen, sich zu Hause stärker körperlich zu betätigen, z. B. im Garten oder bei der Hausarbeit oder im Treppenhaus eine Etage zu Fuß zu gehen. Andere wollen vielleicht einen täglichen Spaziergang machen und sportlich Interessierte fahren lieber Rad, gehen zum Schwimmen oder Tanzen. Aus meiner Sicht ist es, dass die Bewegung für den Patienten angenehm ist und er dabei zumindest etwas ins Schwitzen gerät, ohne sich zu überfordern.

Welche Limitierungen gibt es, z. B. wenn der Patient wegen seiner Grunderkrankung kein Ausdauer- oder Krafttraining machen kann? Gibt es für diese Fälle Alternativen?

Natürlich müssen die körperlichen Aktivitäten an die Schwere der Krankheit angepasst sein. So könnte beispielsweise ein MS-Patient mit eingeschränkter Beinmotorik auf einem Drehkurbel-Ergometer trainieren. Schon die Treppe zu nutzen, statt des Aufzugs, kann bei einem Rheuma-Patienten mit Fatigue eine Möglichkeit zur Verbesserung der Symptomatik sein. Es ist immer wieder überraschend zu sehen, mit wie wenig Bewegung teilweise dramatische Erfolge erreicht werden können – man muss es nur tun.

Herr Professor Braumann, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

 

Prof. Dr. med. Klaus-Michael Braumann

zählt zu den führenden Sportmedizinern Deutschlands. Er war seit 1993 Professor für Sportmedizin an der Universität Hamburg und betreute als Mannschaftsarzt Sportlerinnen und Sportler verschiedener Disziplinen und aller Leistungsklassen bei nationalen wie internationalen Wettkämpfen. Im Bereich der Forschung beschäftigt er sich u.a. mit den positiven Effekten von Bewegung auf verschiedene Krankheitsbilder und mit der Erarbeitung geeigneter bewegungstherapeutischer Verfahren.

 

Quellen
1. Baum E, Donner-Banzhoff N, Maisel P. S3-Leitlinie Müdigkeit. Berlin; 2017. Verfügbar unter www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/053-002l_S3_Muedigkeit_2018-06.pdf. [03.02.2020].
2. Larun L, Brurberg KG, Odgaard-Jensen J, et al. Exercise therapy for chronic fatigue syndrome. Cochrane Database Syst Rev 2019;10:CD003200.
3. Falk Hvidberg M, Brinth LS, Olesen AV, et al. The health-related quality of life for patients with myalgic encephalomyelitis / chronic fatigue Syndrome (ME/CFS). PLoS One 2015;10(7):e0132421.
4. Bleijenberg G, van der Meer JWM. Chronisches Fatigue-Syndrom. In: Hauser SL, Longo DL, Jameson JL, et al., Herausgeber. Harrisons Innere Medizin, 19. Aufl. New York, NY, Berlin, Stuttgart: McGraw-Hill Education; ABW Wissenschaftsverlag; Thieme; 2016, 464e-1-3.
5. NHS. Treatment - Chronic fatigue syndrome (CFS/ME). Verfügbar unter www.nhs.uk/conditions/chronic-fatigue-syndrome-cfs/treatment/. [03.02.2020].

Bildquelle: © Prof. Dr. med. Klaus-Michael Braumann

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