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Rituale: Rückenwind für Teams am Limit

Was tun, wenn die Mitarbeiter „auf dem Zahnfleisch“ gehen und Nerven blank liegen, weil die Umstände schwierig und Kunden verunsichert sind? In solchen Zeiten helfen Rituale. Damit ist nichts Spirituelles gemeint. Jeder von uns vollzieht täglich seine persönlichen Rituale, wie das Stretching am Morgen oder der „Tatort“ am Sonntagabend. Diese Routinen schaffen Ordnung und geben uns Stabilität. In sozialen Systemen wie einem Apothekenteam vermitteln Rituale, z. B. ein gemeinsames Frühstück, Zugehörigkeit, Sicherheit und Orientierung. Das ist besonders dann wichtig, wenn schwere Tage mit besonderen Herausforderungen bevorstehen. Rituale haben starken Symbolcharakter. Vor jedem Spiel einen Kreis bilden, gegenseitiges Abklatschen: Im Mannschaftssport dienen ritualisierte Handlungen zur Vorbereitung auf den Wettkampf und zur Demonstration: „Wir sind eine Einheit“.

Der Wirtschaftspädagoge Tobias Büser, der sich mit den neurologischen Hintergründen von Ritualen beschäftigt, geht davon aus, dass „Rituale eine viel größere steuernde Wirkung als sprachlich kognitive Botschaften haben …und unbewusste Emotionen hervorrufen.“1 Die Kraft der Rituale können auch Führungskräfte für ihr Team nutzen, um ihren Mitarbeitern den Rücken zu stärken und das Team einzuschwören auf ein „Wir schaffen das!“.

Rituale sind soziale Rettungsanker

Gerade in Zeiten der Krise und des Wandels stiften Rituale Sinn und fördern das Gemeinschaftsgefühl. Sie ermöglichen es, sich auf Veränderungsprozesse einzulassen. Veränderung bedeutet immer Abschied von Vertrautem und Unsicherheit. Bei Verabschiedung und Neuaufnahme von Mitarbeitern beispielsweise sind Übergangsrituale daher besonders wichtig. Durch gezielt gesetzte und zelebrierte Botschaften und Handlungen kann das Alte gewürdigt und der Blick auf das Neue gerichtet werden. Im organisatorischen Wandel nutzen Apothekenchefs sie als Führungsinstrument, weil sie die Aufmerksamkeit auf gemeinsame Werte lenken und somit Stabilität geben. Unternehmen wie Google, die steten Wandel per se gewohnt sind und deren Mitarbeiter sozusagen immer im Veränderungszustand sind, schaffen viele kleine solcher sozialen Anker.2

In Krisenzeiten gewinnen Gemeinschaftsrituale wie die Morgenrunde besonders an Bedeutung. Wenn der Alltag auch im Unternehmen „auf Sicht gefahren“ wird, sind diese „modernen Lagerfeuer“ mit ihrem formalen Ablauf, der Halt und Geborgenheit gibt, wahre Rettungsanker.3 Sie helfen Teammitgliedern zu verstehen: Das soziale Gefüge ist stabil, die Normen und der Rückhalt des Teams haben Bestand. Diese emotionale Sicherheit ist wichtig für ein positives Arbeitsklima. Darüber hinaus signalisiert diese Ordnung auch: Es geht weiter und es gibt ein Morgen nach der Phase der Umgewöhnung.

Mitarbeiter in die Rituale einbinden

Rituale bilden also einen geschützten sozialen Raum, in dem persönliche Konflikte und Alltagssorgen in den Hintergrund rücken.4 Sie helfen vor allem in ungewissen Zeiten ein Wir-Gefühl und Normalität aufrechtzuerhalten. Dazu gehören auch Erfolgsrituale. Warum nicht die Morgenrunde oder den gemeinsamen Dienstbeginn mit einem kurzen Bericht aller über ihre eigenen „kleinen Erfolge“ des Vortages oder des letzten Dienstes beginnen? Rituale stiften nicht nur Identität und Struktur, sondern auch Motivation.

Apothekenchefs sollten daran denken, ihre Mitarbeiter bei der Entwicklung von Ritualen einzubeziehen. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Rituale nicht nur initiiert, sondern „von oben“ diktiert und ohne Absprache mit den Mitarbeitern eingeführt werden. Unter Umständen fühlt sich das Team gegängelt oder manipuliert. Die Akzeptanz steigt mit dem Grad der Einbindung. Die Mitarbeiter können dabei helfen, einen klaren Blick für die Bedürfnislage zu entwickeln – eine Möglichkeit, die Apothekenchefs wahrnehmen sollten.

Schließlich sollten Führungskräfte in Erinnerung behalten, dass auch sie selbst Teil des Teams sind. Rituale können auch ihnen persönlich den Rücken stärken.

Hier finden Sie anschauliche Beispiele für unterschiedliche Rituale

 

Quellen
1. Schatzler S. Riten und Rituale der Postmoderne. Erfurt: Disserta-Verlag; 2013.
2. Lewinski L. Veränderung meistern durch Rituale. https://talente.co [20.04.2020]
3. Kraft K, Sonntag K. Change Management. Veränderung braucht Rituale. www.buchreport.de [20.04.2020]
4. Martens A. Die Rückkehr der Rituale. Führen durch Symbole. managerSeminare 2010;(145):22–8.

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