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Teamführung gefragt: Soforterledigern die Stirn bieten

Die neue Lust am „Sofort“ hat negative Auswirkungen auf das Arbeitsklima, bewährte Organisationsabläufe und schlimmstenfalls auch die Kundenzufriedenheit. Wer einen Soforterlediger im Team hat, der erlebt den Drang, „alles so schnell wie möglich erledigen zu müssen“ aus nächster Nähe mit. Die persönliche Belastung für den übereifrigen, doch hektischen Mitarbeiter ist groß. Auch bis zu zwischenmenschlichen Spannungen im Team und einer Verschlechterung der Arbeitsatmosphäre in der Apotheke ist es nicht weit. Als Vorgesetzter gilt es, diese Tendenzen frühzeitig zu erkennen und im Mitarbeitergespräch zu erörtern.

Wenn kognitive Anforderungen zu Belastungen werden

Gute Arbeitsmoral oder gefährliche Übermotivation: Was im Gewand von Fleiß und Gewissenhaftigkeit daherkommt, kann sich schon bald als Präkrastination entpuppen. Der Gegenspieler der Prokrastination, des Auf- und Verschiebens, ist mit Vorsicht zu genießen. Denn nicht selten ist das Soforterledigen eine zwanghafte Verhaltensweise, die den Betroffenen und sein Umfeld stresst. Wie entsteht der Drang nach dem sofortigen Erledigen von kleinen Aufgaben, aber auch den ersten Schritten in großen Projekten?

Der US-amerikanische Professor für Psychologie David A. Rosenbaum entdeckt den Hang zum Soforterledigen eher zufällig. Teilnehmer seines Versuchs, des so genannten „Eimer-Experiment“1  an der Pennsylvania State University, nehmen eine deutlich höhere Belastung auf sich, um eine Aufgabe in kürzerer Zeit zu erledigen. Mehr Kraftaufwand, mehr Anstrengung, mehr Stress – und weniger Zeit mit einer unerledigten Aufgabe. Ist es ein häufig auftretendes Muster, dass wir es nicht aushalten, Dinge unerledigt zu lassen? Das eindeutige Ergebnis einer groß angelegt Studie: Ja. „Wenn man eine Aufgabe zu erledigen hat, erzeugt das eine gewisse Spannung. Und bis die Aufgabe erledigt ist, bleibt diese Spannung bestehen“, erklärt Rosenbaum. Wer präkrastiniert, der möchte kognitive Belastungen reduzieren, so der Forscher, und seinen Arbeitsspeicher entlasten.2 Diese menschliche Verhaltensweise wird dann auffällig, wenn sie sich zu einem zwanghaften Verhalten entwickelt und im Strudel von Verpflichtungen, To-do-Listen und Arbeitspaketen kein Moment des Innenhaltens mehr möglich ist.

Ansteckend: Präkrastination im Team

Wenn ständig Aufgaben gefunden werden, wo eigentlich keine sind – dann haben Sie höchstwahrscheinlich einen Präkrastinierer im Team. Wer pausenlos im Multitasking-Modus arbeitet, der überfordert sich selbst. Der Fokus liegt immer weniger auf zwischenmenschlichen Beziehungen, die eigentlich der Schlüssel zu guter Teamarbeit sind. Auch der Arbeitswert leidet, sei es durch einen übermüdeten Geist, dem Fehler passieren, oder weil Aufgaben angefangen liegen bleiben. Oftmals müssen Kollegen einspringen: Und den Arbeitsplatz im Labor aufräumen, die Lieferungen bis auf die letzte Packung einsortieren oder das beharrlich klingelnde Telefon übernehmen. Es ist kein Wunder, wenn Spannungen im Team entstehen. Gerade bei der verantwortungsvollen Arbeit in der Apotheke sind Konzentration, Organisation und Verlässlichkeit die entscheidenden Tugenden in einem reibungslos funktionierenden Team.

Präkrastination ausbremsen und vermeiden

Wie also „zwanghafte Soforterlediger“ erkennen und sanft ausbremsen – zum Wohl nicht nur des Mitarbeiters, sondern des gesamten Teams? Der fordernde Arbeitsalltag in der Apotheke bedarf ruhig agierender Mitarbeiter, die mit klarem Kopf Arzneimittel prüfen, Laborergebnisse hinterfragen und das Medikationsmanagement pflegen. Präkrastinierer hingegen neigen zum „Abarbeiten“, bringen weniger Kreativität in Aufgaben ein und leiden an Konzentrationsstörungen – eine Folge des Arbeitens unter „Dauerstrom“.3

Wenn ein Mitarbeiter durch eine hektische, sogar hyperaktive Arbeitshaltung auffällt, To-do-Listen überpflegt, Prioritäten vernachlässigt und keinen Feierabend kennt, sollten nicht nur der Workload und die Arbeitsabläufe in der Apotheke kritisch hinterfragt werden. Im Mitarbeitergespräch lassen sich die Beobachtungen teilen – und bestenfalls reflektieren.

Gelingt ein Umlenken, dann führt es bestenfalls zum Königsweg: Einer gesunden Gelassenheit im Umgang mit Aufgaben und in der Kunden- und Kollegen-Kommunikation, einem belohnenswerten Fleiß und kreativen Arbeitsergebnissen. Und mittendrin einer wohltuenden ausgedehnten Pause.

 

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1 Der Versuchsaufbau im „Eimer-Experiment“ (2014) von David A. Rosenbaum und seinem Team: Entlang eines Ganges waren links und rechts mit Cent-Stücken gefüllte Eimer aufgestellt. Die Versuchsteilnehmer sollten je einen Eimer von der linken und einen von der rechten Seite auswählen und beide zum Zielpunkt am Ende des Ganges tragen. Die meisten griffen einen der ersten Eimer und nahmen damit die größere Anstrengung auf sich.
2 Rosenbaum DA, Gong L und Potts CA. Pre-crastination: hastening subgoal completion at the expense of extra physical effort. Psychological Science. 2014;25(7):1487-1496
3 Schaudy. F J. Prokrastination – Präkrastination. Eine unheilige Allianz. Referat an der International Psychoanalytic Unversity Berlin (IPU) im Rahmen des Interdisziplinären Symposiums „Prokrastination. Psychoanalyse und gesellschaftlicher Kontext, 26.11.2016.

 

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