„Wer viele Freunde hat, kann sich dennoch einsam fühlen“

Perspektive

Manche suchen bewusst die Einsamkeit und Stille, um der Hektik zu entliehen und zur Ruhe zu kommen. Einsamkeit ist aber auch ein Leiden, ein Gefühl der Leere und eine unerfüllte Sehnsucht nach Kontakt zu anderen Menschen. Prof. Dr. Maike Luhmann hat eine der wenigen großen Studien zu Einsamkeit in Deutschland durchgeführt. Die Psychologin spricht über Ursachen und Folgen von Einsamkeit und welche Rolle die sozialen Medien dabei haben können.

Frau Professor Luhmann, wie verbreitet ist Einsamkeit in unserer Gesellschaft und wer ist davon am stärksten betroffen?

Zur Verbreitung findet man sehr unterschiedliche Zahlen. Das liegt daran, dass es verschiedene Definitionen und keine klare Diagnose gibt, so wie für eine Depression. Bei ganz vorsichtiger Schätzung können wir vermutlich von 5 % chronisch einsamen Menschen in Deutschland ausgehen.1 Zwischen 10 und 15 % der Gesamtbevölkerung geben an, sich manchmal einsam zu fühlen.2 Die über 80-Jährigen sowie ärmere Menschen sind häufiger von Einsamkeit betroffen.

Wie unterscheiden sich die Ursachen der Einsamkeit bei den verschiedenen Altersgruppen? Wie lassen sich Altersunterschiede in der Einsamkeit erklären?

Bei älteren Erwachsenen zählen gesundheitliche Einschränkungen und ein kleineres soziales Netzwerk zu den Hauptursachen für Einsamkeit.3 Wer beispielsweise weniger mobil und in seinem Alltag eingeschränkt ist, der kann nicht mehr in gewohnter Weise an sozialen Aktivitäten teilnehmen. Sind der Partner und Freunde verstorben, fehlt ebenfalls der zwischenmenschliche Austausch. Im mittleren Erwachsenenalter ist vor allem das Einkommen ein relevanter Faktor für Einsamkeit.1 Die Altersunterschiede lassen sich teilweise damit erklären, dass diese Faktoren unterschiedlich häufig auftreten, zum Beispiel bei Älteren eben gesundheitliche Einschränkungen häufiger sind.1

Was sind mögliche Auswirkungen der Einsamkeit, z. B. auch auf das Essverhalten?

Wir wissen, dass Einsamkeit sowohl körperliche als auch psychische Probleme verursachen oder verstärken kann.2,4,5 Assoziationen wurden unter anderem gezeigt für Herz-Kreislauf-Erkrankungen,6 Demenz7 und Übergewicht8. Einsamkeit ist eine der wichtigsten Ursachen für Depressionen und Angststörungen. Aber auch andere psychische Probleme können damit einhergehen.4 Einsame Menschen haben sogar eine tendenziell kürzere Lebenserwartung.9,10

Hinsichtlich des Essverhaltens sind die Fakten weniger eindeutig. So ist nicht klar, ob Übergewicht eine Folge oder eine Ursache der Einsamkeit ist. Denkbar wäre, dass sich eine einsame Person mit der Zubereitung des Essens weniger Mühe gibt als in einem sozialen Kontext. Nachgewiesen ist, dass einsame Menschen dazu neigen, sich weniger zu bewegen,11 was zu einer Gewichtszunahme beitragen kann.

Welche Rolle haben Sozialkontakte und warum fühlen sich jüngere Menschen einsam?

Das Fehlen von guten sozialen Beziehungen ist einer der Hauptfaktoren für Einsamkeit12 – egal wie alt jemand ist.1 Wer viele Freunde hat, kann sich dennoch einsam fühlen und nicht jeder ist zwangsläufig einsam, nur weil er keine Freunde hat. Es gibt Einzelgänger, die sich sehr wohl damit fühlen und es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur dazu neigen, sich einsam zu fühlen.13 Das kann daran liegen, dass es Ihnen schwerer fällt soziale Kontakte zu knüpfen oder aufrecht zu erhalten. Oder sie interpretieren ihre Kontakte anders als andere. Warum gerade die jüngeren Erwachsenen ein Problem mit der Einsamkeit haben, konnten wir in unseren Studien nicht ermitteln.

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die sozialen Medien?

Hierzu steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen und es gibt nur wenige Studien von guter Qualität.14 Daher sind die Aussagen mit Vorsicht zu betrachten. Es ist aber davon auszugehen, dass die sozialen Medien sowohl positive wie negative Auswirkungen haben.14 Zu den Vorteilen gehört, dass es leicht ist, mit anderen in Kontakt zu bleiben. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene sind eher anfällig dafür, sich mit anderen zu vergleichen. Den Medien wird manchmal vorgeworfen, dass sie Freundschaften vorspielen, wo keine sind. Ich persönlich glaube nicht, dass wir darauf so einfach reinfallen. Am Ende kommt es darauf an, wozu und wie wir die sozialen Medien nutzen. Digitale Kontakte können sicher nicht Beziehungen im realen Leben ersetzen. Setzen wir Facebook, WhatsApp und Co ein, um bestehende Beziehungen zu pflegen, kann das positiv sein. Besonders ältere Menschen profitieren davon.14 Bei den Jüngeren ist die Datenlage weniger eindeutig. Es ist nicht klar, ob die sozialen Medien einsamer machen oder ob einsame Menschen eher dazu neigen, häufiger in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein.14 Vermutlich stimmt beides.

Gibt es Faktoren, die vor Einsamkeit schützen können? Könnten wir selbst etwas gegen unsere Einsamkeit tun?

Was schützt, ist ein stabiles, ausreichend großes soziales Netzwerk.12,15 Daran kann jeder von uns aktiv arbeiten – am besten bevor man sich einsam fühlt. Es gibt die Idee des sozialen Konvois.16 Damit ist eine Gruppe von Personen gemeint, die einen durchs Leben begleiten. Ab und zu können Menschen den Konvoi verlassen oder es kommen Menschen hinzu. Aber es gibt stets mehrere Personen, die die soziale Unterstützung sichern. Daher ist man mit einem sozialen Konvoi gut gegen Einsamkeit geschützt. Wer chronisch einsam ist und keinen Ausweg sieht, sollte sich professionelle Hilfe suchen.

Frau Professor Luhmann, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

 

Prof. Dr. phil. Maike Luhmann ist Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum. In ihrer Forschung beschäftigt sich die 37-jährige Psychologin schwerpunktmäßig mit den Themen Einsamkeit, Lebenszufriedenheit und subjektives Wohlbefinden. Zusammen mit Co-Autorin Louise Hawkley hat Frau Prof. Luhmann 2016 eine repräsentative Studie zur Einsamkeit in Deutschland veröffentlicht.1

 

Quellen

[1]    Luhmann M, Hawkley LC. Age differences in loneliness from late adolescence to oldest old age. Dev Psychol 2016;52(6):943–59.

[2]    Beutel ME, Klein EM, Brähler E, et al. Loneliness in the general population: prevalence, determinants and relations to mental health. BMC Psychiatry 2017;17(1):97.

[3]    Cohen-Mansfield J, Hazan H, Lerman Y, et al. Correlates and predictors of loneliness in older-adults: a review of quantitative results informed by qualitative insights. Int Psychogeriatr 2016;28(4):557–76.

[4]    Hawkley LC, Capitanio JP. Perceived social isolation, evolutionary fitness and health outcomes: a lifespan approach. Philos Trans R Soc Lond B, Biol Sci 2015;370(1669).

[5]    Richard A, Rohrmann S, Vandeleur CL, et al. Loneliness is adversely associated with physical and mental health and lifestyle factors: Results from a Swiss national survey. PLoS ONE 2017;12(7):e0181442.

[6]    Valtorta NK, Kanaan M, Gilbody S, et al. Loneliness, social isolation and risk of cardiovascular disease in the English Longitudinal Study of Ageing. Eur J Prev Cardiol 2018;25(13):1387–96.

[7]    Sutin AR, Stephan Y, Luchetti M, et al. Loneliness and Risk of Dementia. J Gerontol B Psychol Sci Soc Sci 2018.

[8]    Hajek A, König H-H. Obesity and loneliness. Findings from a longitudinal population-based study in the second half of life in Germany. Psychogeriatrics 2018.

[9]    Holt-Lunstad J, Smith TB, Baker M, et al. Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: a meta-analytic review. Perspect Psychol Sci 2015;10(2):227–37.

[10]  Rico-Uribe LA, Caballero FF, Martín-María N, et al. Association of loneliness with all-cause mortality: A meta-analysis. PLoS ONE 2018;13(1):e0190033.

[11]  Hawkley LC, Thisted RA, Cacioppo JT. Loneliness predicts reduced physical activity: cross-sectional & longitudinal analyses. Health Psychol 2009;28(3):354–63.

[12]  Pinquart M, Sorensen S. Influences on Loneliness in Older Adults: A Meta-Analysis. Basic and Applied Social Psychology 2001;23(4):245–66.

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[14]  Nowland R, Necka EA, Cacioppo JT. Loneliness and Social Internet Use: Pathways to Reconnection in a Digital World? Perspect Psychol Sci 2018;13(1):70–87.

[15]  Zebhauser A, Baumert J, Emeny RT, et al. What prevents old people living alone from feeling lonely? Findings from the KORA-Age-study. Aging Ment Health 2015;19(9):773–80.

[16]  Sha'ked A. Addressing Loneliness. Psychology Press; 2015.

Bild: © RUB, Kramer

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