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Wie der Lebensstil den Impferfolg beeinflusst

Impfungen sind eine effektive Strategie, um sich vor Virusinfektionen zu schützen. Allerdings können die Immunantworten auf eine Impfung von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich ausfallen. Betrachtet man beispielsweise den Antikörpertiter als Reaktion auf eine Grippeschutzimpfung, kann dieser um mehr als den Faktor 100 variieren.1 Solche Unterschiede in der Impfstoffantwort haben Konsequenzen – sowohl für die Wirksamkeit als auch für die Dauer des Impfschutzes.1 Doch woher resultieren diese Unterschiede? Neben intrinsischen Faktoren wie Alter, Geschlecht und Begleiterkrankungen spielen auch extrinsische Faktoren, z. B. unser Lebensstil, dabei eine entscheidende Rolle.1

Übergewicht und Bewegungsmangel können den Impferfolg verringern

Zahlreiche Studien bei Erwachsenen haben gezeigt, dass eine Zunahme des Body-Mass-Index (BMI) mit einer verringerten Antikörperreaktion auf Hepatitis-A und -B-Impfungen verbunden ist.1 In einer Studie mit über 1.000 gegen Grippe geimpften Probanden, hatten die Adipösen anschließend ein doppelt so hohes Risiko für Influenza oder grippeähnliche Erkrankungen als die Normalgewichtigen.2 Dies deutet darauf hin, dass Adipositas die Immunantwort nach einer Impfung abschwächt2 und der Impfstoff möglicherweise keinen optimalen Schutz bietet. Als mögliche Ursache werden chronische, niedrig gradige Entzündungen diskutiert, welche die Immunantwort beeinträchtigen.3 Darüber hinaus sind adipöse Personen körperlich meist weniger aktiv als Schlanke. Doch Bewegungsmangel an sich4 – oder vermittelt durch Insulinresistenz5 – kann ebenfalls die Immunantwort beeinträchtigen. Umgekehrt können Sport und Bewegung für unser Immunsystem, folglich auch für unsere Immunantwort, förderlich sein.

Körperliche Aktivität, positive Stimmung und ausreichend Schlaf fördern die Immunantwort

In einer Studie wird über höhere Antikörpertiter bei Frauen berichtet, wenn diese 45 Minuten vor der Impfung ein Ergometer benutzten.6 Eine weitere Studie zeigte, dass aktive Probanden im Alter von über 62 Jahren, die mindestens dreimal wöchentlich mehr als 20 Minuten körperlich aktiv waren, höhere Antikörperantworten auf die Impfung hatten als weniger aktive Teilnehmer.7 Sogar die Stimmung scheint einen Einfluss auf den Impferfolg zu haben: Eine prospektive Beobachtungsstudie mit älteren Erwachsenen (65 - 85 Jahre) zeigte, dass eine gute Stimmungslage am Tag der Impfung signifikant positiv mit den Antikörperspiegeln vier und 16 Wochen nach der Impfung korreliert war.8 Auch Schlaf kann die Immunantwort nach einer Impfung fördern, wie eine Untersuchung an gesunden Probanden zeigt: Nach einer Grippeschutz-Impfung hatten junge Männer (ø23 Jahre) mit ausreichend Nachtschlaf mehr als doppelt so hohe Antikörpertiter im Vergleich zu denen, die an 4 Nächten vor und 2 Nächten nach der Impfung nur 4 Std. pro Nacht schlafen durften.9

Die Darmflora spielt eine wichtige Rolle

Zunehmend gibt es Hinweise darauf, dass auch das Darmmikrobiom eine wesentliche Rolle für den Impferfolg spielt.10 Kürzlich untersuchten Forscher der Stanford University die Impfantwort gesunder Probanden (18 - 45 Jahre), von denen eine Gruppe zuvor eine Mischung diverser Antibiotika erhalten hatte.11 Erwartungsgemäß vernichtete die 5-tägige Breitspektrum-Antibiose einen Großteil der Darmflora. Erstaunlich war, dass sich der Artenreichtum und die Biodiversität nach sechs Monaten noch nicht vollständig erholt hatten, was auf einen lang anhaltenden Verlust einiger bakterieller Spezies hindeutet.11 Die mit Antibiotika behandelten Probanden produzierten signifikant weniger spezifisch gegen das Grippevirus H1N1 gerichtete Antikörper als Reaktion auf die Impfung. Dieser Nachweis gelang allerdings nur bei Probanden, die niedrige vorbestehende Antikörpertiter aufgrund einer bereits bestehenden Immunität gegen Influenza aufwiesen.11 Die Ergebnisse unterstreichen die Fähigkeit des Mikrobioms, vielfältige Effekte auf die Immunfunktion und damit auch auf die Impfantwort auszuüben.

Möglicher Beitrag von Prä- und Probiotika zum Impfergebnis

Da das Altern ebenfalls mit einer verringerten Artenvielfalt und einer beeinträchtigten Stabilität des Darmmikrobioms einhergeht und auch die Impfantworten meist schwächer ausfallen, könnten gerade ältere Menschen von einer zusätzlichen Gabe Prä- und/oder Probiotika profitieren.12,13 In einer Metaanalyse wurde der Einfluss von Probiotika und Präbiotika auf den Impferfolg einer Grippeschutzimpfung bei Erwachsenen bewertet.13 Teilnehmer, die Probiotika oder Präbiotika einnahmen, zeigten signifikante Verbesserungen bei der Seroprotektiona und Serokonversionb verschiedener Grippevirusstämme. Darüber hinaus führte eine längere Supplementierung zu einer stärkeren Impfantwort. Am meisten profitierten gesunde Ältere von den Prä- und Probiotika im Vergleich zu hospitalisierten Älteren oder jungen/mittelalten Erwachsenen.13

 

a Seroprotektion: Induktion einer Antikörperantwort, die oberhalb eines als schützend angesehenen Bereiches liegt
b Serokonversion: Induktion einer Antikörperantwort, unabhängig von der Höhe der erzielten Antikörper-Konzentration



Quellen
1. Zimmermann P, Curtis N. Factors that influence the immune response to vaccination. Clin Microbiol Rev 2019;32(2).
2. Neidich SD, Green WD, Rebeles J, et al. Increased risk of influenza among vaccinated adults who are obese. Int J Obes (Lond) 2017;41(9):1324–30.
3. Luzi L, Radaelli MG. Influenza and obesity: its odd relationship and the lessons for COVID-19 pandemic. Acta Diabetol 2020;57(6):759–64.
4. Zheng Q, Cui G, Chen J, et al. Regular exercise enhances the immune response against microbial antigens through up-regulation of toll-like receptor signaling pathways. Cell Physiol Biochem 2015;37(2):735–46.
5. Reidy PT, Yonemura NM, Madsen JH, et al. An accumulation of muscle macrophages is accompanied by altered insulin sensitivity after reduced activity and recovery. Acta Physiol (Oxf) 2019;226(2):e13251.
6. Edwards KM, Burns VE, Reynolds T, et al. Acute stress exposure prior to influenza vaccination enhances antibody response in women. Brain Behav Immun 2006;20(2):159–68.
7. Kohut ML, Cooper MM, Nickolaus MS, et al. Exercise and psychosocial factors modulate immunity to influenza vaccine in elderly individuals. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2002;57(9):M557-62.
8. Ayling K, Fairclough L, Tighe P, et al. Positive mood on the day of influenza vaccination predicts vaccine effectiveness: A prospective observational cohort study. Brain Behav Immun 2018;67:314–23.
9. Spiegel K, Sheridan JF, van Cauter E. Effect of sleep deprivation on response to immunization. JAMA 2002;288(12):1471–2.
10. Zimmermann P, Curtis N. The influence of the intestinal microbiome on vaccine responses. Vaccine 2018;36(30):4433–9.
11. Hagan T, Cortese M, Rouphael N, et al. Antibiotics-driven gut microbiome perturbation alters immunity to vaccines in humans. Cell 2019;178(6):1313-1328.e13.
12. Yaqoob P. Ageing alters the impact of nutrition on immune function. Proc Nutr Soc 2017;76(3):347–51.
13. Lei W-T, Shih P-C, Liu S-J, et al. Effect of probiotics and prebiotics on immune response to influenza vaccination in adults: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Nutrients 2017;9(11).

 

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