Perspektive

Professor Dr. med. Ulrike Bingel: „Zähne zusammenzubeißen ist keine sinnvolle Strategie“

Ein akuter Schmerz ist ein wichtiges Warnsignal für den Körper. Chronische Schmerzen haben hingegen keine sinnvolle Funktion – im Gegenteil, sie können zur Überempfindlichkeit von Nervenzellen führen, die auch ohne Auslöser Schmerzen verstärken und unterhalten. Wie das sog. „Schmerzgedächtnis“ entsteht und was man dagegen tun kann, erklärt die Neurologin Professor Dr. Ulrike Bingel.

Frau Professor Bingel, in welchen Fällen kann aus einem akuten ein chronischer Schmerz werden?

Jeder Akutschmerz kann zu einem chronischen Schmerz werden. Diese Begriffe sagen vor allem etwas über die Schmerzdauer. Akute Schmerzen werden ausgelöst durch eine Bedrohung oder tatsächliche Verletzung des Gewebes. Über die Reizung kleiner Nervenfasern werden die Informationen zum Gehirn geleitet, wo die Schmerzempfindung entsteht. Als chronisch werden Schmerzen bezeichnet, die nach einer zu erwartenden Heilungszeit bzw. nach drei Monaten noch bestehen bleiben.

Welche Menschen sind besonders gefährdet, chronische Schmerzen zu entwickeln?

Wir wissen, dass sowohl Schmerzempfindlichkeit als auch die Neigung zu chronischen Schmerzen zu einem gewissen Grad vererblich sind. Außerdem kann die Stärke des Akutschmerzes ausschlaggebend sein für eine Chronifizierung. Wer z. B. vor einer Operation bereits unter starken Schmerzen leidet, hat ein höheres Risiko, nach der Operation unter anhaltenden Schmerzen zu leiden. Zu den psychologischen Risikofaktoren gehört das „katastrophisierende“ Denken. Patienten, die sich sehr auf ihren Schmerz konzentrieren und viel grübeln, sind ebenfalls gefährdeter, chronische Schmerzen zu entwickeln. Auch Patienten, die ängstlich sind und zu Depressionen neigen, haben ein erhöhtes Chronifizierungsrisiko.

Was genau versteht man eigentlich unter dem Schmerzgedächtnis?

Nach meinem Verständnis beschreibt der Begriff plastische Veränderungen im Zentralnervensystem, die auf Ebene der Synapsen stattfinden und bei andauernder Reizung der Nozizeptoren entstehen. Werden immer wieder Schmerzimpulse übertragen, verändern sich die Übertragungsraten in den Nerven. Selbst wenn der Schmerzauslöser nicht mehr vorhanden ist, führen die Veränderungen im Nervensystem dazu, dass Schmerzen leichter erzeugt, verstärkt oder unterhalten werden. Sie können sich das vorstellen als eine Art Trampelpfad, der durch regelmäßige Benutzung immer breiter wird. Das Schmerzgedächtnis kann auch psychologisch interpretiert werden. Durch Schmerzerfahrungen findet ein Lernprozess statt, so dass der Patient in Erwartung des Schmerzes diesen auch empfindet.

Wie kann man feststellen, ob ein Schmerzgedächtnis ausgebildet wurde oder ob tatsächlich permanent Schmerzreize, z. B. aus einem arthrotisch veränderten Gelenk, gesendet werden?

Es gibt meines Wissens keine Untersuchungsmethode, die am Patienten ein Schmerzgedächtnis nachweisen kann, nur indirekte Hinweise. Hat beispielsweise ein Patient mehr als drei Monate nach seinem Bandscheibenvorfall noch immer starke Rückenschmerzen, obwohl der MR-Befund zeigt, dass sich der Bandscheibenvorfall zurückgebildet hat, muss man von einem Schmerzgedächtnis ausgehen. Im Falle eines arthrotisch veränderten Gelenks kann eine unzureichende Schmerzlinderung durch klassische Analgetika auf ein Schmerzgedächtnis hindeuten. Andernfalls würden die Schmerzmittel den nozizeptiven Reiz unterdrücken. Die Arthrose ist neben dem Tumorschmerz jedoch ein Sonderfall, weil der nozizeptive Anteil des Schmerzes auch in chronischen Phasen sehr hoch ist.

Wie lässt sich das Schmerzgedächtnis „löschen“ bzw. ausschalten?

Es lässt sich nicht auf Knopfdruck löschen. Aber der Körper und das Gehirn können durch neue Erfahrungen lernen. Bei Rückenschmerzpatienten versuchen wir – mit medikamentöser Unterstützung – die Überempfindlichkeit der Nerven zu unterdrücken. Wenn der Patient merkt, dass Bewegung nicht schmerzt, können wir seine Angst vor Bewegung reduzieren. Die wirksamste Therapie ist die multimodale Schmerztherapie, bei der die Patienten ganz intensiv psychologisch gestützt Physiotherapie machen und lernen, dass Bewegung wieder möglich ist und auch passagere Schmerzverstärkungen, z. B. durch die intensive Trainingstherapie, mittelfristig zu einer Verbesserung der Schmerzen führen. Selbstheilungs- und Schmerzmodulationskräfte zu fördern, ist ebenfalls ein wichtiger Teil der Therapie chronischer Schmerzen. Schließlich soll das gesamte Denken, Fühlen und Handeln die Schmerzen möglichst positiv beeinflussen.

Was können Betroffene selbst tun, damit erst gar kein Schmerzgedächtnis entsteht?

Die Zähne zusammenzubeißen ist keine sinnvolle Strategie. Die beste Maßnahme gegen die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses ist eine suffiziente Akutschmerztherapie. Dazu sollte ein Arzt möglichst die Ursache der Schmerzen ausfindig machen und bekämpfen und die Schmerzen ausreichend schmerzlindernd behandeln. In jedem Fall sollten Betroffene rasch medizinisch-pharmazeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Denn viele Akutschmerzmittel können negative Auswirkungen haben, wenn sie zu häufig genommen werden.

Frau Professor Bingel, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

Professor Dr. med. Ulrike Bingel hat den Lehrstuhl für klinische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Essen und leitet dort das Rückenschmerz-Zentrum sowie die Interdisziplinäre Schmerzambulanz. Die Fachärztin für Neurologie ist ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet der Schmerzforschung und untersucht mit ihrem Team die Informationsverarbeitung im menschlichen Schmerzsystem.

 

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