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Umzug mit Bakteriengepäck

Unser Körper ist komplett von Bakterien besiedelt – innen und außen. Etwa sieben Milliarden Bakterien bewohnen die etwa 2 qm unserer Haut. (Also etwas weniger als Menschen auf der Erde leben.) Auf etwa 40 Billionen Bakterienzellen wird die Darmflora geschätzt. Der US-amerikanische Mikrobiologe Prof Jeffrey  Gordon findet sogar, wir sollten uns selbst als einen Verbund aus bakteriellen und menschlichen Zellen  und Genen betrachten, und unsere Fähigkeiten als eine Verschmelzung von menschlichen und mikrobiellen Eigenschaften. „Die Entdeckung des von Mikroben bestimmten Teils von uns lässt unsere Individualität in einem ganz neuen Licht erscheinen. Erst jetzt werden wir uns der Verbindung mit der Welt der Mikroben wirklich bewusst.“

Langjährige Beziehung

Forscher aus Texas konnten außerdem zeigen, dass wir auch in entwicklungsgeschichtlicher Sicht schon sehr  lange mit unseren mikrobiellen Mitbewohner unterwegs sind.  Der Stammbaum der Bakterien verzweigt und entwickelt sich parallel zur Evolution des Menschen. Vor etwa 5 Millionen Jahren teilte sich der Stammbaum in eine menschliche Linie und die Vorfahren der Menschenaffen. Zeitgleich trennte sich auch der Stammbaum entsprechender Darmbakterien.

Privates Ökosystem im Darm

Lange wurden die Mikroben in unserem Verdauungstrakt (vom Mund bis After) ausschließlich als  Hilfstruppe zur Zerkleinerung der Nahrung verkannt. Heute ist klar: Das lebenswichtige Getümmel im Darm hat Einfluss auf unser Immunsystem, das Körpergewicht und offenbar auch auf das Gehirn und die Psyche. Bei der Untersuchung der so genannten Darm-Hirnachse stehen die Forscher noch ganz am Anfang, aber das Feld ist so spannend, dass derzeit überall auf der Welt Fördergelder dafür eingesetzt werden.

In anderen Forschungsfeldern gibt es inzwischen erste Hinweise, wie genau Bakterien unsere Gesundheit beeinflussen: So wirkt es sich etwa auf die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut (eine wichtige Barriere gegen giftige Substanzen) aus, wenn die Darmbevölkerung sich verändert.

Trainer für die Abwehr

Gewinnen im darmeigenen Immunsystem die falschen Bakterien die Überhand, kann unsere Körperabwehr regelrecht Amok laufen. In solchen Fällen kommt es zu Allergien, Asthma oder Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem sich gegen den eigenen Körper richtet. Solche Erkrankungen nehmen in den Industrieländern rasant zu. Es besteht daher die Hoffnung, zwischen all den Untermieter-Mikroben des Menschen geeignete Helfer für ein gesundes Immunsystem zu finden. Forschungen zeigen, dass auch unter den Bakterien auf unserer Haut unverzichtbare Trainingspartner für ein funktionierendes Immunsystem sind.

Ursache und Wirkung unterscheiden

Eine der größten  Herausforderung in der Mikrobiomforschung ist die sprichwörtliche Frage nach Henne und Ei: Häufig finden sich Zusammenhänge zwischen Erkrankungen, Fettleibigkeit oder bestimmten Eigenschaften von  Menschen und ihren mikrobiellen Bewohnern. Es ist allerdings schwer festzustellen, ob die Mikroorganismen den Körper verändern oder sich das Mikrobiom einfach an besondere Bedingungen anpasst.

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