Der Nutzen des Nutzlosen

Die meisten Menschen haben vollgepackte Terminkalender und dadurch nur wenig Zeit für sich selbst. Und hat man dann mal nichts zu tun, kommt sofort der Gedanke auf, was als nächstes getan werden könnte. Doch diese Denkweise schadet uns meist mehr als sie uns nutzt. Erfahre hier, warum.

Vom Kind zum Erwachsenen

Bereits im Kindesalter lernen wir, dass Leistung beinahe immer belohnt wird. Sei es, dass wir unser Zimmer aufräumen oder eine Eins in Mathe schreiben. Zur Belohnung gibt es dann häufig Süßigkeiten oder Geld – Lob der Eltern auf jeden Fall. So lernen Kinder selbstverständlich, was von ihnen erwartet wird: Leistung, Produktivität und Resultate. Je älter man wird, desto mehr wird man zusätzlich mit Worten, wie Gewinnoptimierung, Wettbewerb, Konkurrenz und Leistungsdruck konfrontiert. Der Stillstand oder das einfache Nichtstun befördert einen dabei angeblich zehn Schritte zurück.

Es ist kein Fortschritt messbar, also gibt es keinerlei Weiterentwicklung. Dadurch erscheint eine Nicht-Aktivität wertlos, weil sie keinen der zuvor genannten Werte unterstützt. Oft ist die Quantität der eigenen Arbeit wichtiger als dessen Qualität. Workaholics, die ihr Leben mit Arbeit verbringen, werden von vielen bewundert und genau an dieser Beschäftigungsintensität wird der eigene Erfolg gemessen. 

Das schlechte Gewissen

Meist geht es dabei gar nicht um den Fortschritt an sich, sondern viel mehr um die Anerkennung und “Belohnung” durch andere Menschen. Es wird niemand für Dich applaudieren, wenn Du einen Nachmittag lang nur Musik hörst. Es wird angenommen, dass man sein Leben verbessert, indem man sich mit immer mehr Dingen beschäftigt. Dabei nehmen wir uns allerdings meistens nicht die Zeit, das Erlebte auch zu “verdauen” und zu verarbeiten. Tut man dann mal wirklich nichts, kommt es zum “productivity guilt”. Das bedeutet, dass man Gewissensbisse dafür kriegt, nichts getan zu haben, obwohl es ja theoretisch etwas zu tun gäbe.

Selbstzufriedenheit durch Nichtstun

Bereits seit einigen Jahrhunderten haben wir Menschen damit zu kämpfen, dass es einen fortwährenden Druck gibt, etwas tun zu müssen. Die Odyssee erzählt von der Geschichte der Lotophagen. Diese Geschichte ist bereits im 7. Jahrhundert vor Christus entstanden -  also schon vor sehr langer Zeit. In der Erzählung trifft Homer auf seiner Reise auf ein Volk, das sich von einer seltsamen Lotusfrucht ernährt. Die Frucht scheint zu bewirken, dass die Menschen den ganzen Tag nur herumlungern und nichts tun.

Trotzdem erscheinen sie als glückliche Individuen. Ein paar Männer von Homers Truppe nehmen die Frucht zu sich und als Folge entspannen sie sich und vergessen ihre Sorgen. Homer gerät daraufhin in Panik und zwingt die Männer zurück aufs Schiff, um eine sofortige Abreise zu erzwingen. Diese Reaktion beschreibt einen Mechanismus, der in unserer Menschheitsgeschichte immer wieder vorzufinden ist: Dabei handelt es sich um eine beinahe “allergische Reaktion” auf Selbstzufriedenheit durch das Nichtstun.

Die eigenen Gedanken kennenlernen

Vollkommen nutzlos ist im Grunde rein gar nichts. Selbst, wenn eine Aktivität keine definierten Ziele hervorbringt, bleibt einem noch immer, dass man sich selbst etwas Gutes tut. Meist hilft diese Erkenntnis trotzdem nicht gegen das eigene Schuldgefühl. Dieses Gefühl muss allerdings nicht negativ sein. Befinden wir uns in einer subjektiv betrachtet sinnlosen Situation, kann dies ein guter Motivationsfaktor sein, anschließend etwas Sinnvolles zu tun. Dennoch halten uns die Gewissensbisse davon ab, glücklich beim Nichtstun zu sein. Zusätzlich können sie die Qualität unserer Leistungen, Kreativität und Konzentration mindern.

Im Grunde sind Menschen täglich damit beschäftigt, Prioritäten zu setzen und das Leben zu einer To-Do-Liste umzugestalten. Lässt man sich jedoch jeden Tag Momente, in denen es nichts zu tun gibt oder wenigstens etwas ohne einen definierten Sinn, schafft das Raum für Überraschung und Kreativität. Eventuell hört man so auch das erste Mal seine eigenen Gedanken so richtig. Es ist von großer Wichtigkeit, sich von dem schnellen Tempo des Alltags auszuruhen und sich um sich selbst zu kümmern. Man muss sich vor Augen führen, dass eine dauerhafte Beschäftigung nicht mit dauerhaftem Erfolg gleichzusetzen ist.

Die Kunst des Nichtstuns

Diese Auszeiten werden auch Non-Activity genannt. Diese eintönigen und wenig belastenden Aktivitäten ermöglichen es dem sonst so hart arbeitenden Gehirn einen Moment der Ruhe zu erleben. In solchen Situationen übernimmt das “Default-Netzwerk” und man befindet sich in einem Modus, indem viele Menschen oft ihre besten Ideen haben. Beispielsweise kann einen solche Non-Activity durch malen, puzzlen oder Blumen auf einem Feld pflücken gestaltet werden.

Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass Nichtstun nicht einfach so passiert. Es bedeutet nämlich nicht, dass man nichts zu tun hat. Im Grunde ist es ebenfalls eine Aktivität. Man muss das Nichtstun immer wieder neu erlernen und es bedarf eines täglichen Trainings. Viel Spaß bei Euren sinnvoll sinnlosen Aktivitäten!

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