Hässliches Essen: Die Anti-Foodporn-Bewegung

Unter „Foodporn“ versteht man den Trend, sein Essen in den sozialen Netzwerken feiern zu lassen. Auf Instagram, Facebook und Pinterest stellen Menschen sorgfältig inszenierte Bilder ihres Essens aus. Aber jeder Trend provoziert eine Gegenbewegung: Anti-Foodporn- Plattformen holen uns auf manchmal recht amüsante Weise auf den Boden der Tatsachen – bzw. die Platte des heimischen Esstisches – zurück.

Der Food-Alptraum auf Facebook

Chefkoch.de ist mit über 4 Millionen registrierten Nutzern eine große Rezepte-Plattform, auf die jeder seine Rezepte hochladen kann, einschließlich eines mehr oder minder gelungenen Fotos. Bei 330 000 Rezepten gibt es da nicht nur Schönes und Schmackhaftes zu sehen. Daraus haben Jonathan Löffelbein und Lukas Diestel die Facebook-Seite „Worst of Chefkoch“ entwickelt.

Dort erwartet den Feinschmecker ein wohliger Schauer leichten Grusels und das erhabene Gefühl, immerhin besser zu essen als die Köche der dort ausgestellten Alptraumgerichte. 145 000 Menschen folgen dem Facebook-Auftritt und genießen die Trash-Rezepte, in denen Fleischwurst und Schmelzkäse noch als respektable Zutaten gelten, als erholsame Pause von den perfekt inszenierten Foodfotografien der Blogosphäre.

Braune Brühe aus Krankenhäusern und Pflegeheimen

Andere Internettagebücher mit unappetitlichem Essen haben einen ernsteren Hintergrund: Die Facebookseite „Wir fotografieren unser Essen“ lädt dazu ein, Tellergerichte aus Krankenhäusern und Pflegeheimen zu posten. Da liegen dann plastikverpackte Brotscheiben neben einer traurigen Scheibe Käse und einem Butterpäckchen als Abendbrot oder eine undefinierbare Brühe flutet einen Teller, aus dem ein angetrockneter Berg Kartoffelbrei ragt.

Gerade dort, wo Menschen gesund gepflegt werden oder einen würdigen Lebensabend genießen sollen, wären appetitliche und abwechslungsreiche Mahlzeiten besonders wichtig. Kostendruck und Personalmangel führen aber zu oft dazu, dass die Verpflegung lieblos und mikronährstoffarm daherkommt. Der Blog versteht sich durchaus als kritische Stimme und Aufruf, die Missstände zu beheben. Außerdem kann sich ein wenig tröstendes Mitleid aus den Kommentaren zum eigenen Foto erhoffen, wer selbst gerade im Krankenhaus vor matschiger Soße an mehligen Dosenerbsen sitzt. Gelegentlich werden auch Positiv-Beispiele fotografiert, um zu zeigen, dass schlechte Verpflegung in Krankenhäusern oder Pflegeheimen nicht der Standard sein muss.

Geschmack statt Applaus

International finden sich noch weitere „Anti-Foodporn“-Blogs, etwa die „herzzerreißenden Geschichten von traurigem Essen und noch traurigeren Leben“ , eine nicht ganz ernst gemeinte  Sammlung depressiver Gerichte für eine Person. Die Washington Post schrieb über die Sammlung: „Es wird Sie zum Lachen bringen, bis Sie nicht mehr hungrig sind.“

Das fasst die Funktion der Anti-Foodporn-Plattformen gut zusammen: Sie machen zwar keinen Appetit, aber dafür im besten Fall gute Laune. Außerdem entlasten sie all jene, deren Küchen-Kreationen üblicherweise nicht für ein Photoshooting geeignet sind und versichern uns der Erkenntnis, dass es für die meisten Menschen beim Kochen vorrangig um Geschmack geht – und nicht um Applaus.

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