Hochwertige Lebensmittel aus Algen

Experten-Interview mit Dr.-Ing. Nils Wieczorek

Auf der Suche nach gesunden und nachhaltigen Lebensmitteln gehen Wissenschaftler auch neue Wege. Wir haben mit einem von ihnen gesprochen: Dr.-Ing. Nils Wieczorek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft der Technischen Universität Hamburg. Sein Forschungsgebiet sind Mikroalgen – für die Lebensmittelproduktion.
Herr Dr. Wieczorek, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Algen zu kultivieren, um daraus Lebensmittel herzustellen?

Wir hatten zunächst gar nicht das Ziel, Algen als Lebensmittel zu nutzen. Wir wollten mit den Algen klimaschädliches CO2 aus der Atmosphäre binden und daraus wiederum Energie gewinnen, z. B. Biodiesel. Das stellte sich leider als technisch extrem aufwendig dar. Als uns klar wurde, wie reich Algen an Vitaminen, Antioxidanzien, ungesättigten Fettsäuren und anderen Mikronährstoffen sind, fanden wir es viel zu schade, die Algen nur für das energetische Recycling von CO2 zu nutzen. Algen lassen sich in Photobioreaktoren in großem Maßstab produzieren, aufbereiten und daraus hochwertige Lebensmittel herstellen. Wir können bestimmte Inhaltsstoffe extrahieren, z. B. die Lipidfraktion, und erhalten so ein Algenöl. Oder wir trocknen die Algen und bekommen ein proteinreiches Pulver, mit dem beispielsweise Nudeln, Brot oder Kuchen angereichert werden können.

Welche Vorteile haben diese Algenprodukte?

Ein Vorteil gegenüber der klassischen Agrarwirtschaft: Algen wachsen schneller und benötigen dafür weniger Nährstoffe als herkömmliche Nutzpflanzen. Ein weiterer Vorteil: Algen enthalten alle für uns Menschen essentiellen Verbindungen, je nach Algenart in anderen Zusammensetzungen. Wir sprechen hier von Mikroalgen, also pflanzlichen Einzellern, die auch als Phytoplankton bezeichnet werden. Unser Ziel ist die Produktion von Algen in großem Maßstab und ihr Einsatz als Lebensmittel und Proteinlieferant.

Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen mit Algenprodukten? Schmecken die nicht alle irgendwie nach Meer, also etwas „fischig“?

Tatsächlich probieren wir hier regelmäßig Gerichte mit unseren Algen. Zuletzt gab es Algenkuchen, bei dem das Urteil meiner Kollegen lautete: „… schmeckt interessant“. Richtig gut angekommen ist dagegen ein Algenbrot. Aufgrund des hohen Chlorophyllgehaltes erscheinen die angereicherten Lebensmittel meist grünlich. Nach Fisch oder „Meer“ schmecken die Produkte eher nicht, zumal Chlorella eine Süßwasseralge ist. Aber es stimmt schon, dass es eine Herausforderung ist, hinsichtlich Farbe, Konsistenz und Geschmack aus Algen appetitliche und von Konsumenten akzeptierte Produkte herzustellen. Dabei werden die meisten schon Algenprodukte verzehrt haben, ohne es zu wissen.

Stichwort Nachhaltigkeit: Wie viel Aufwand ist erforderlich, um Algen zu gewinnen und so aufzubereiten, dass daraus appetitliche Nahrungsmittel entstehen?

Der gesamte Prozess lässt sich ressourcenschonend gestalten: In einem Photobioreaktor werden die Mikroalgen mit Licht, CO2, Wasser und Nährstoffen versorgt. Das CO2 kann aus Fermentationsprozessen gewonnen werden, bei denen Kohlendioxid als Abfallprodukt anfällt. Die Algenmasse wird durch Zentrifugation abgetrennt und das Nährmedium erneut zur Kultivierung verwendet. Wir sprechen bei diesem Kreislauf von „Bioraffinerie“. Die Mikroalgen sind leicht aufzuschließen und können problemlos weiterverarbeitet werden. Die europaweit größte Produktionsanlage, in der Mikroalgen in einem 500 km langen Glasröhrensystem kultiviert werden, wird in Sachsen-Anhalt betrieben. Dort werden auch Lebensmittel, z. B. Nudeln, Cracker und Getränke mit der Chlorella-Alge angeboten.

Wohin führt der Algentrend? Wie wird unsere Ernährung in 10 Jahren aussehen?

Noch steckt die Algenbiotechnologie in den Kinderschuhen und die Produktion von Algen als Proteinlieferant ist für den Massenmarkt noch zu teuer. Die Mikroalgen sind u. a. reich an Vitamin B12 und Omega-3-Fettsäuren, die wir bisher im Wesentlichen aus tierischen Quellen beziehen. Wir werden in Zukunft jedoch immer weniger Fleisch und Fisch konsumieren, so dass die Bedeutung der Algen für unsere Ernährung weiter zunehmen wird. Algen können ein breites Spektrum an lebenswichtigen Substanzen für den Menschen liefern. Algenkulturen wachsen rasant und lassen sich unabhängig von fruchtbaren Böden auch in Städten betreiben. Daher bieten Algen für die Welternährung ein riesiges Potential.
 

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