Mein erstes Jahr als Mama – Judith erzählt

Das ist sie also, meine Tochter!

Irgendwann einmal stieß ich auf die Frage: Wenn du nur noch eine einzige Erinnerung behalten könntest – welche wäre das? 

Für mich ist es die Erinnerung daran, wie ich zum ersten Mal meine Tochter sah. 

Die Hebamme hatte sie in ein Tuch gewickelt und kam mit ihr auf mich zu. Sie war so wunderschön, dass mich eine Ehrfurcht durchströmte, wie ich es kein zweites Mal erlebt habe. Mir war, als sähe ich etwas Heiliges. Vom ersten Augenblick an war da Liebe für dieses zarte Wesen mit seinen tiefdunklen, weisen Augen und den unbewussten Bewegungen. Und ein Leben ohne sie war nicht mehr vorstellbar.

Die ersten Wochen als Mama


Die ersten drei Wochen verließen wir die Wohnung nicht. Das Thermometer stieg tagsüber an die 40 Grad. Fast jeden Abend gab es gewaltige Sommergewitter. Das war herrlich. Meine Tochter und ich verbrachten die Tage auf dem Sofa. Zwischen uns immer ein nasser Film, ein gefühlter See. Links stillen, wegdösen, rechts stillen, wegdösen. Den Schmutz aus der Halsfalte der Kleinen wischen. Das war’s im Großen und Ganzen. Und immer wieder kam Besuch (und ich musste mir wohl oder übel doch wieder was anziehen). Wir Eltern stellten unsere Tochter vor und waren stolz wie Oskar.

Ich konnte meine Tochter stundenlang ansehen. Der wohlgeformte Mund, die kleinen Finger mit den winzigen Fingernägeln, jede Mimik in ihrem Gesicht und das schnelle, flache Auf und Ab ihrer Brust, wenn sie atmete. Ein kleines Wunderwerk.

Das Wunder vom Stillen und „Ist das normal?“


Ebenfalls ein Wunderwerk und absolut faszinierend fand ich den Saugreflex. Das Stillen klappte einfach so. Keiner von uns musste dafür etwas lernen. Aber den ersten Schreck über dieses prasselnde, zischelnde Ziehen in der Brust, wenn die Milch gesaugt wurde, werde ich nie vergessen. War das normal? Und warum kontrahierte gleichzeitig die Gebärmutter? War auch das normal? Eine Frage, die ich mir im ersten Jahr ständig gestellt habe. Alles war Neuland – und ich hochkonzentriert.  

Für die Themen, die an der Uni behandelt wurden, hatte ich allerdings keinen Kopf mehr. Wir waren mitten im Studium, als wir Eltern wurden. In meiner Unizeit pendelte ich von Hamburg nach Lüneburg. Auf einmal stillte ich meine Tochter auf dem Weg nach Lüneburg im Zug, während ihr Papa unsere einzig für diesen Zweck gekaufte Familienkutsche, einen uralten Ford Fiesta, fuhr. Papa und Tochter gingen dann bei Wind und Wetter spazieren, derweil saß ich im Hörsaal und wurde entweder schlagartig hundemüde oder vermisste das Baby. Ich kam mir so fehl am Platz vor. Und weil mir dieses Unterfangen sinnlos vorkam, sprach ich meine Professoren an. Die kamen mir sehr entgegen. Ich musste nicht mehr zu den Veranstaltungen erscheinen, sondern durfte die Kurse mit Hausarbeiten abschließen. Aber auch an die Thesen der Hausarbeiten kann ich mich heute beim besten Willen nicht mehr erinnern. Man nennt es Stilldemenz. Eine Professorin erzählte mir damals, sie kenne das nur zu gut. Und sie war es auch, die mir die Vokabel Stilldemenz beibrachte. DAS habe ich behalten. J

Eine Familie groovt sich ein


Plötzlich waren wir also eine Familie. Und auch die Familienmitglieder, die nicht zur Kernfamilie Vater, Mutter, Kind gehörten, schlüpften in ihre neuen Rollen. Mancher hatte dabei ganz andere Vorstellungen als wir. Hat eine Oma nun per se das Recht, jeden Tag unangemeldet vorbei zu kommen, und dabei immer größer werdende Teddies in unsere 45qm Zwei-Zimmer-Wohnung mitzubringen und uns Tipps zu geben, die allesamt mit „Du musst..“ anfangen? Habe ich das Recht, es traurig zu finden, dass sich der Onkel nun genauso oft meldet, wie er es bisher getan hat – nämlich gar nicht? Vorher fand ich das ja auch nicht schlimm! 

Lauter erste Male


Das erste Jahr als Mutter war voller erster Male. Das erste Mal als Familie nach Hause kommen, das erste Mal als Familie im eigenen Bett schlafen, der erste Ausflug mit Kind, der erste Ausflug ohne Kind, der erste Sex nach der Schwangerschaft, der erste Winter, das erste Weihnachten, der erste eigene Geburtstag als Mama … die Liste ist unendlich lang. Und dann natürlich das erste Köpfchenheben, das erste Drehen, das erste Sitzen, das erste Hochziehen, das erste Stehen, der erste Schritt – jeden Entwicklungsschritt dieses neuen 

Menschen habe ich begleitet und gefeiert.


Und es gibt so vieles, das sich in diesem ersten Lebensjahr entwickelt. So rasant wird’s nie wieder. Alles war so spannend. Das Baby bekam den Großteil meiner Aufmerksamkeit und Energie. Als Schwangere und Stillende fühlte ich mich oft wie ein Medium. Mein Körper gehörte nicht mehr nur mir. Mal war dieses Gefühl bedeutungsvoll und beflügelnd, mal war es anstrengend und beängstigend. Als Mutter wurde ich selbstlos und verantwortungsvoll. Selbst wenn ich vollkommen übermüdet war, stand ich doch irgendwann auf, gab dem Baby Milch oder wechselte die Windel. Da blieb natürlich nicht mehr viel Kapazität für anderes. 

Abstillen und Selbstbestimmung


Aber Stück für Stück kam die Autonomie zurück. Je eingespielter die neuen Abläufe wurden, desto mehr konnte ich mich anderen Dingen widmen. Mein Körper regenerierte sich von der Schwangerschaft. Je autarker mein Kind wurde, desto autarker wurde auch ich. Sechs Monate lang habe ich meine Tochter voll gestillt. Nach neun Monaten, morgens vor dem Aufstehen, war dann klar, dass es das letzte Mal sein würde. Da war ein kleines bisschen Wehmut – und ganz viel Vorfreude auf die neue körperliche Selbstbestimmung. Es war sogar so, dass ich meinen Körper nach der Schwangerschaft und Stillzeit nun viel mehr mochte als davor. Den einen oder anderen Dehnungsstreifen hin oder her. Aber da erst erkannte ich, was ich an ihm habe. Vielleicht ist das zu vergleichen mit dem Effekt, der sich einstellt, wenn man einen Schnupfen hatte und nicht mehr durch die Nase atmen konnte. Wenn es dann soweit ist, dass die Nase wieder frei ist, schätzt man diesen Zustand viel mehr als vor dem Schnupfen. Natürlich war ich als Schwangere und Stillende nicht krank. Im Gegenteil. Aber es war doch eine Art von Ausnahmezustand, der ein Schnupfen ja auch ist. Meistens bin ich nicht schwanger oder stillend. Und meistens habe ich eben auch keine verstopfte Nase.

Im neuen Semester ging dann auch für mich die Uni wieder los. Die Stilldemenz war passé und ich hatte Spaß an der Sache. Wir Studi-Eltern stimmten unsere Stundenpläne aufeinander ab, sodass immer einer für unsere Tochter da war. An einem Tag in der Woche war sie bei ihrer Oma. Die gab ihr unserer Meinung nach viel zu früh und viel zu viel Schokolade. „Aber ich bin doch die Oma!“ lautete die simple Antwort auf unsere Beschwerde. Stimmt ja irgendwie auch. Meine Großeltern haben es auch getan. Und ich als Enkelin hab’s sehr genossen.

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