Viren als gute Nachbarn?

Gerade versuchen wir besonders engagiert, Viren fernzuhalten. Aus gutem Grund. Dabei wissen die wenigsten, dass eine vielfältige Viren-Wohngemeinschaft dauerhaft in unseren Körpern siedelt. Mit verbesserten Techniken zur Identifikation von Viren und ihrem Erbgut erhalten wir ein immer detaillierteres Bild unserer viralen Mitbewohner. Ähnlich wie sich vor Jahren der Blick auf die unverzichtbare Bakteriengemeinschaft in unserem Körper gewandelt hat, könnten uns noch einige Überraschungen bezüglich des sogenannten Virobioms erwarten.

Bei Bakterien unterscheiden wir inzwischen ganz selbstverständlich zwischen den “guten” (Milchsäurebakterien, viele Darmbewohner und ähnliche) und “schlechten” (z. B. “Lebensmittelvergifter” wie Clostridium botulinum und infektiöse Krankheitserreger wie Salmonellen). Viren gelten dagegen fast ausschließlich als fiese Eindringlinge, die unsere Körperzellen zur eigenen Vermehrung missbrauchen. Die Wahrheit ist offenbar viel komplizierter. In jedem Gramm Kot ist eine Milliarde Viren enthalten – und es ist schwer zu unterscheiden, welche davon dauerhafte Bewohner sind – oder aufgrund einer akuten, chronischen oder latenten Infektion vorkommen. Von 220 Viren, die Menschen infizieren, werden nur 100 als Krankheitserreger beschrieben. Und die anderen? Die Anelloviren beispielsweise sind stille Mitbewohner – Hinweise auf ein schädliches Potenzial gibt es bisher nicht. Jeder Mensch ist mit ihnen infiziert, aber über unsere Beziehung zu ihnen wissen wir noch wenig.

Viren-DNA beschützt uns

Immerhin 8 Prozent unseres Erbgutes sind viralen Ursprungs – und das seit mindestens 5 Millionen Jahren, wie Forscher festgestellt haben. Es kann kein Zufall sein, dass diese DNA-Sequenzen im Laufe der Entwicklung nicht wieder entfernt wurden. Es sei denn, ihre Anwesenheit hätte einen Vorteil für den Wirt, also uns. Wissenschaftler untersuchen seit einigen Jahren die Rolle einer Gruppe von Retroviren und meinen, dass einige der Virentalente dem Menschen im Laufe der Evolution nützlich waren: So hilft ein Virusgen dabei, einen möglichen Angriff des Immunsystems der Mutter auf das werdende Kind zu unterdrücken. Außerdem verbessert es die Verbindung zwischen Gewebe von Mutter und Fötus in der Plazenta. Das scheint bei näherem Hinsehen ganz verständlich: Viren müssen an eine lebende Zelle “andocken” - also eine sichere Verbindung herstellen und gleichzeitig das Immunsystem stumm schalten, um sich zu vermehren. Im Laufe der Evolution wurden diese Fähigkeiten - niedergeschrieben in der viralen DNA - in das menschliche Erbgut integriert.

Helfer für die grauen Zellen

In das Erbgut integrierte Viren-DNA scheint auch eine wichtige Schutzfunktion für das Gehirn zu haben – das legen zumindest Experimente an Mäusen nahe. Vireninfektionen beeinflussen sich auch gegenseitig. Das konnte man beispielsweise an Patienten mit einer HIV-Infektion zeigen: Waren die Betroffenen zusätzlich mit einem bestimmten Pegivirus infiziert, verlief ihre HIV-Erkrankung milder. Die Erforschung des Virobioms steckt insgesamt noch in den Kinderschuhen – aber man darf in der Zukunft spannende Erkenntnisse erwarten. Ob uns eines Tages “provirotische” Joghurts oder Nasensprays erwarten werden, ist allerdings heute noch reine Spekulation.

Quelle: doi: 10.3389/fmicb.2020.01140

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