Fertilitätsklinik - ab wann ist sie sinnvoll?

ICSI und Spermiogramme

Schwanger zu werden ist ein medizinisches Meisterwerk. In einigen Fällen klappt es mit der Schwangerschaft leider nicht ohne Hilfe von außen. Gründe gibt es viele. Ob ein schlechtes Spermiogramm beim Mann, Endometriose bei der Frau oder das Alter des Paares. Manchmal kann auch einfach keine Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch gefunden werden. Was ihr tun könnt und welche Möglichkeiten die heutige Reproduktionsmedizin zu bieten hat, verrät uns Dr. Katharina Mayer-Eichberger vom Kinderwunsch Zentrum Stuttgart, Praxis Villa Haag.

Frau Dr. Mayer-Eichberger, trotz langer Bemühungen stellt sich bei einigen Paaren einfach keine Schwangerschaft ein. Ab wann raten Sie dazu, das Kinderwunsch Zentrum aufzusuchen?

Grundsätzlich sollte der behandelnde Frauenarzt diese Fragestellung vom Alter der Patientin und den eventuell vorliegenden Begleiterkrankungen beider Partner abhängig machen. Von einer ungewollten Kinderlosigkeit spricht man in der Literatur, wenn nach einem Jahr ungeschütztem, regelmäßigem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eingetreten ist. Ist die Patientin über 35 Jahre alt, sollte der Weg in die Kinderwunschpraxis allerdings zeitnaher eingeschlagen werden.

Ist es empfehlenswert, als Paar zu Ihnen zu kommen?

Auf jeden Fall. Der Kinderwunsch betrifft sowohl die Frau als auch den Mann. Und um die Vorgeschichte, alle Befunde sowie die weitere Diagnostik, die beide Partner betrifft, zu besprechen, ist es ratsam, gemeinsam zum Informationsgespräch zu kommen.

Was passiert bei den ersten Untersuchungen?

Zunächst wird im Erstgespräch die Anamnese des Paares erhoben, das heißt, die Vorgeschichte wird erfragt und bekannte Erkrankungen bzw. eventuell bereits erfolgte Behandlungen oder Untersuchungsergebnisse werden besprochen. Anschließend wird eine Basisdiagnostik durchgeführt, die eine Blutentnahme (Hormonstatus, Schilddrüsenserologie, Infektionsparameter) bei beiden Partnern beinhaltet, sowie eine gynäkologische Untersuchung und ein Spermiogramm. In einem zweiten Gespräch werden die Befunde und das weitere Vorgehen abhängig von den Ergebnissen besprochen.

Welches sind die häufigsten Ursachen für eine ungewollte Kinderlosigkeit beim Mann und bei der Frau?

Zunächst muss man feststellen, dass Paare, die heutzutage ihren Kinderwunsch verwirklichen wollen, älter sind. Bei der Frau sind als häufige Ursachen u.a. Endometriose zu nennen. Gab es im Vorfeld Infektionen im Genitalbereich oder Operationen im kleinen Becken können diese zu Verklebungen der Eileiter und dadurch zu einer Unfruchtbarkeit führen. Auch Übergewicht kann ein Grund für Zyklusstörungen und dadurch bedingte Sterilität sein.

Beim Mann können Operationen/Erkrankungen am Hoden (zum Beispiel Hodenhochstand im Kindesalter) oder Kinderkrankheiten wie Mumps zu einer Verschlechterung der Spermienqualität führen. Auch hormonelle Präparate, die zum Teil von Sportlern zum ergänzenden Muskelaufbau eingenommen werden, können einen Einfluss haben. Außerdem weiß man, dass Nikotinkonsum die Fruchtbarkeit sowohl beim Mann als auch bei der Frau einschränkt.

Wie kann man auf natürlichem Wege die Chance auf eine Schwangerschaft erhöhen?

An erster Stelle sollte stehen, sich mit dem natürlichen Zyklus der Frau zu befassen und den richtigen Zeitpunkt für den möglichen Eintritt einer Schwangerschaft zu kennen. Natürlich ist regelmäßiger Geschlechtsverkehr wichtig – alle zwei bis drei Tage. Zusätzlich ist eine gesunde ausgewogene Ernährung sowie Sport wichtig. Ein normales Gewicht mit einem BMI unter 25 sollte angestrebt und der Nikotinkonsum eingestellt werden.

Wie kann man betroffenen Paaren den Leidensdruck und die Frustration nehmen?

Zunächst ist Aufklärung ganz wichtig: Wie läuft ein normaler Zyklus ab und wie hoch ist die Schwangerschaftsrate im normalen Leben? Denn diese liegt statistisch gesehen bei jungen und gesunden Paaren pro Zyklus bei rund 20 Prozent. Bestehen Begleiterkrankungen, sollten diese ausführlich mit dem Paar besprochen und auch Therapiemöglichkeiten diskutiert werden. Im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung sollte man sich immer wieder die Zeit nehmen, bereits erfolgte Behandlungen zu analysieren und im Einzelfall auf das Paar eingehen, was man bei nicht eingetretener Schwangerschaft verändern kann.

Was halten Sie von solchen Aussagen, die Kinderwünschler immer wieder hören: „Entspannt euch, fahrt in den Urlaub. Dann wird es mit dem Baby schon klappen“?

Neben organischen Ursachen kann auch die Psyche einen Anteil an ungewollter Kinderlosigkeit haben. Die Situation ist speziell für die Frauen psychisch oft sehr belastend, gerade wenn im Umfeld viele Freundinnen schwanger werden. Bereits im Erstgespräch wird versucht, auch auf diese Komponente einzugehen und Strategien mit der Patientin zu entwickeln. Manchmal hilft ein Urlaub – ohne den Stress des Alltags- und Berufslebens – die Situation zu entspannen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen ungewollter Kinderlosigkeit und fortgeschrittenem Alter (Stichwort spätes Glück)? Wie kann man hier vorsorgen?

Wir wissen: Je älter eine Frau ist, desto schlechter ist die Qualität und Anzahl der Eizellen. Ab 35 nimmt die Fruchtbarkeit einer Frau leider ab. In der heutigen Zeit stehen häufig zunächst die Berufsausbildung und dann die Karriere im Vordergrund, dadurch verschiebt sich der Kinderwunsch nach hinten.

Welche Möglichkeiten gibt es bei Ihnen, sich den Wunsch auf Nachwuchs zu erfüllen?

Wir bieten ein breites Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten an, wie z.B. ein Zyklusmonitoring. Auch die hormonelle Stimulation mit anschließender Insemination des Samens in die Gebärmutter ist möglich. Sollten die einfachen Therapiemöglichkeiten nicht zum Erfolg führen oder höhergradige Einschränkungen vorliegen, ist auch eine Stimulation mit Hormonspritzen und die anschließende künstliche Befruchtung möglich.

Hier wird zwischen IVF (In-Vitro-Fertilisation) und ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion) unterschieden, je nach Spermienqualität. ICSI ist die aufwändigste Methode, bei der ein Spermium gezielt mikroskopisch in die Eizelle injiziert wird. Bei der IVF werden Eizelle und Samenzellen zusammengeführt, aber die Samenzelle muss den Weg in die Eizelle selbstständig finden. Sollten im Rahmen einer künstlichen Befruchtung mehrere befruchtete Eizellen entstehen, ist es möglich, diese einzufrieren und für einen weiteren Versuch zu verwenden.

Werden die Kosten von Krankenkassen übernommen oder bezuschusst? Und gibt es hier Auflagen was das Alter, den Familienstand o.ä. angeht?

Gesetzliche Krankenkassen sind verpflichtet, für drei Versuche 50 Prozent der Kosten bei entsprechender Indikationsstellung zu übernehmen. Diese Regelung gilt für verheiratete Paare zwischen 25 und 40 Jahren (Frau) bzw. 50 Jahren (Mann). Auf freiwilliger Basis beteiligen sich derzeit einige Krankenkassen auch in größerem Umfang an den Kosten. Was private Krankenversicherungen betrifft, ist die Kostenübernahme im Einzelfall zu beantragen und zu erfragen. Auch hier werden aber bei entsprechender Indikation und in den meisten Versicherungskonstellationen sogar teilweise bis zu 100 Prozent der Kosten für mehrere Versuche übernommen.

Eine Garantie auf Erfolg gibt es wahrscheinlich nicht. Dennoch, wie hoch sind die Erfolgsaussichten einer Kinderwunschbehandlung und wie lange dauert eine solche Behandlung in der Regel?

Die Erfolgsaussichten hängen sehr stark vom Alter der Patientin sowie den vorhandenen Begleiterkrankungen ab. Durchschnittlich liegt die Schwangerschaftsrate bei einer Insemination bei ungefähr 15 Prozent und bei einer künstlichen Befruchtung bei ca. 30 Prozent.

Hat sich im Laufe Ihrer Berufspraxis etwas signifikant verändert?

Das Alter der Paare mit Kinderwunsch hat zugenommen. Auch die Anzahl der Paare, die unsere Praxis aufsuchen nimmt weiterhin stetig zu.

Wie stehen Sie zu Nahrungsergänzungsmitteln sowohl für Mann und Frau in der Phase des Kinderwunsches?

Nahrungsergänzungsmittel können durchaus einen unterstützenden Effekt im Hinblick auf den Kinderwunsch haben. Bei regelmäßiger Einnahme über einen längeren Zeitraum sehen wir zum Beispiel einen positiven Effekt auf die Spermienqualität. Bei Frauen ist die Substitution mit Folsäure im Hinblick auf eine Schwangerschaft erwünscht und der Effekt wissenschaftlich bewiesen. Sie sollten mindestens vier Wochen vor Empfängnis Folsäure supplementieren. Eine gute Versorgung mit Folsäure kann das Risiko für Neuralrohrdefekte minimieren. Darüber hinaus ist die Einnahme einer umfassenden Nährstoffkombination zu empfehlen. Nährstoffe können die Fruchtbarkeit positiv beeinflussen.

 

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