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Darmbakterien: Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Expertinnen-Interview mit Dr. Sofia Forslund

Dr. Sofia Forslund forscht seit mehr als zehn Jahren zum menschlichen Mikrobiom, seit 2016 am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. Dabei geht es um Faktoren, die das Mikrobiom beeinflussen. Wir fragen nach dem Einfluss des Mikrobioms auf die Herzgesundheit.

 

Fünf Praxis-Tipps für ein gesundes Darm-Mikrobiom 

  1. Mehr Ballaststoffe verzehren.

  2. Mehr Bewegung 

  3. Antibiotika nur dann einsetzen, wenn es medizinisch unbedingt nötig ist 

  4. Fastenzeiten einplanen

  5. Salz einsparen 

Frau Dr. Forslund, die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms unterscheidet sich bei akuten Herz-Kreislauf-Erkrankten deutlich von Gesunden. Was ändert sich genau und was sind die Ursachen dafür?  

Das Darm-Mikrobiom von Patient:innen mit akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen weist im Vergleich zum „gesunden“ Mikrobiom deutlich mehr opportunistische Pathogene auf (Anmerkung der Redaktion: Das sind Mikroorganismen, die nur unter bestimmten Bedingungen eine Krankheit hervorrufen, etwa bei geschwächtem Immunsystem). Das geht zu Lasten der kommensalen Darmflora. Das bedeutet, dass das Immunsystem des menschlichen Wirts sehr gefordert ist. Es kann zu starken Interaktionen des Mikrobioms und des Immunsystems kommen. Der Darm kann durchlässig für Mikroorganismen werden. Die Folge können Entzündungsreaktionen sein, die den Stoffwechsel stark beeinträchtigen. So gibt es einen Zusammenhang von Entzündungen und beispielsweise der Dysregulation des Blutfettspiegels, Hypertension und Insulinresistenz. Auch der Blutzucker ist dysreguliert. Die Inflammation ist oft die Basis für das akute Herz-Kreislauf-Geschehen.  

 

Wie sieht das Mikrobiom bei chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus? 

Interessanterweise verändert sich die Zusammensetzung des Mikrobioms bei chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen wieder in Richtung gesundes Darm-Mikrobiom. Wir erklären uns dies dadurch, dass die Studienteilnehmenden, bei denen wir dies beobachtet haben, eine sehr starke Veränderung ihres Lebensstils vorgenommen haben. Sie erhielten von uns Tipps zur Modifikation ihrer Ernährung und bewegten sich auch mehr. Außerdem achteten sie verstärkt auf Stress auslösende Faktoren und vermieden diese etwas häufiger. Das beeinflusst die Mikrobiom-Zusammensetzung positiv. Jedoch bleibt sie immer etwas verändert und die chronische Erkrankung bleibt bestehen. Dies lässt sich auch durch die Schäden erklären, die meist bereits schon an den Zielorganen entstanden sind. Die Inflammation ist oft nicht vollständig zu beheben und bleibt im besten Fall in geringem Maß bestehen.

 

Können Sie aus Ihrer Forschung Vorschläge für eine Prophylaxe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einen therapeutischen Ansatz ableiten?  

Zur Prophylaxe gibt es tatsächlich einige Tipps, die wir aus der Forschung ableiten können. So sollte die Nahrung viele Ballaststoffe enthalten. Dabei ist die Quelle nicht entscheidend. Alle Ballaststoffe fördern die kommensale Flora. Eine ketogene Ernährung wirkt sich ebenfalls positiv aus. Salz ist im Gegensatz dazu schädlich für das Mikrobiom. Von einem hohen Salzkonsum sollte dringend abgeraten werden. Fasten übt einen großen Benefit auf das Mikrobiom aus. Es macht dabei keinen Unterschied, ob es sich um Intervallfasten oder ein 5-Tage-Fasten oder Vergleichbares handelt. Sehr empfehlenswert sind auch Probiotika oder fermentierte Lebensmittel. Sie fördern ebenfalls eine gesunde Darmflora.

 

Wie ist es mit Sport und anderen Maßnahmen?  

Ja, es gibt noch weitere wichtige Faktoren. Bewegung gehört in jedem Fall dazu. Dann möchte ich aber auch das Vermeiden von negativem Stress und von Virus-Infektionen nennen. Antibiotika sollten nur eingenommen werden, wenn sie wirklich gebraucht werden, und zwar streng nach Vorschrift. Ich finde es auch richtig, im Rahmen einer Antibiotika-Behandlung Probiotika einzusetzen. Auch Vitamine sind wichtig, beispielsweise die B-Vitamine, Folsäure usw. Ein interessanter Ansatz ist auch die fäkale Transplantation, die allerdings rechtlich stark reguliert und daher nur mit vielen Hürden anzuwenden ist. Da gibt es noch einiges zu erforschen.  

 

Frau Dr. Forslund, wir danken Ihnen für dieses spannende Gespräch!