Sexuelle und vaginale Beschwerden sind weitverbreitet, werden aber häufig übersehen [3]. Patientinnen sprechen die Themen ungern an. Fragen Sie routinemäßig nach. Das senkt die Hemmschwelle. Versuchen Sie dabei, Verlegenheit zu reduzieren, damit Patientinnen ehrlich berichten. Haben Sie auch im Blick, dass Symptome allein nicht ausreichen, um eine Vaginose sicher zu diagnostizieren. Bereiten Sie Ihre Patientinnen auf die Option einer Untersuchung vor.
Die wichtigsten Prinzipien auf einen Blick
- Thema routinemäßig ansprechen
- Sexuelle Themen normalisieren, bevor man fragt
- Kurze, klare Strukturen verwenden
- Inklusive, verhaltensorientierte Sprache nutzen
- Belastung anerkennen, bevor man berät
- Symptome allein sind unspezifisch – Patientinnen auf Untersuchungen vorbereiten
Praktische Gesprächstipps für den Alltag
Der wichtige Schritt ist, das Thema als Routine in den Alltag einzubauen. Nehmen Sie sich fest vor, allen Patientinnen ein paar Routinefragen zur vaginalen und sexuellen Gesundheit zu stellen. Da diese Symptome verschiedene Ursachen haben können, ist es hilfreich, ein paar direkte Fragen zu stellen. Je offener und klarer Sie formulieren, desto besser können Sie Scham abbauen.
Kurze, konkrete Fragen zuerst
Stellen Sie die wichtigsten Fragen ruhig nach vorne:
- Was hat sich gegenüber dem üblichen Ausflussbild verändert?
- Liegen Geruch, Juckreiz, Schmerzen, Dysurie, Unterleibsschmerzen oder Blutungen vor?
- Gibt es eine relevante sexuelle Vorgeschichte, Menstruationsmuster, Antibiotika, Verhütung, Fremdkörper oder Eingriffe?
Diese kurzen Fragen können zügig gestellt werden und verbessern die Dokumentation.
Symptome erfassen ohne moralische Untertöne
Patientinnen berichten mehr, wenn Ärzt:innen sachlich bleiben. Wichtig ist, nicht Hygiene, Lebensstil oder „Schuld“ zu implizieren – auch nicht „gefühlt“. Die Aufgabe ist, Symptommuster und Risikokontext zu erfassen, nicht zu bewerten.
Diagnose nicht aus der Anamnese ableiten
Bakterielle Vaginose, Candidiasis und Trichomoniasis lassen sich allein anhand der Symptome oft nicht zuverlässig unterscheiden [4]. Daher gilt:
- Veränderungen gegenüber dem Ausgangszustand stets erfragen
- Untersuchung durchführen
- Tests erwägen
- reflexartige Behandlung vermeiden
Inklusive Formulierungen verwenden
Es gilt, heteronormativen oder voraussetzende Fragen zu vermeiden, um keine Abwehrhaltung zu fördern. Praktische Alternativen sind zum Beispiel:
- nach Partner:innen fragen, nicht nach „Ehemann/Freund“
- nach Praktiken fragen, wenn klinisch relevant
- nach reproduktiven Zielen fragen, statt Annahmen zu treffen
Belastung anerkennen, bevor man berät
Ein einziger Satz kann den Ton verändern: „Das Symptom ist real, häufig und verdient Beachtung.“ Erst danach folgen Untersuchung, Tests oder Beratung.
Schlussfolgerung für die Praxis
Bei heiklen Themen wie bei bakterieller Vaginose ist ein ruhiges, respektvolles Gespräch notwendig. Da die geschilderten Symptome manchmal in die Irre führen, braucht es etwas Fingerspitzengefühl und eine klare Sprache. Außerhalb der gynäkologischen Praxis ist ein Mustergespräch vielleicht hilfreich:
[1] Nusbaum M; Hamilton C. The proactive sexual health history. Am Family Physician2002; 66(9): 1705–1712.
[2] Savoy M, et al. Sexual Health History: Techniques and Tips. Am Family Physician 2020; 101(5): 286–293.
[3] Parish S, et al. Der Versorgungsprozess der International Society for the Study of Women’s Sexual Health zur Erkennung sexueller Anliegen und Probleme bei Frauen. Mayo Clinic Proceedings 2019; 94: 842–856.
[4] Sim M; Logan S; Goh L. Vaginaler Ausfluss: Beurteilung und Behandlung in der Primärversorgung. Singapore Med J 2020; 61(6): 297–301.