Die vaginale Mikrobiota ist ein sensibles Ökosystem. Verschiebungen – etwa durch Hormonschwankungen, Sexualverhalten oder Antibiotika – können die Balance zwischen protektiven Laktobazillen und anaeroben Keimen, die eine bakterielle Vaginose auslösen können, kippen (Abb. 2) [1,2]. Probiotika bieten hier einen zunehmend gut verstandenen Ansatz, die Flora gezielt zu stabilisieren. Entscheidend ist: Ihre Wirkung beruht nicht auf einem einzelnen Mechanismus, sondern auf einem Zusammenspiel mikrobieller, metabolischer und immunologischer Prozesse.
Abb. 2: Mögliche Einflussfaktoren auf die Vaginalflora [1,2]
Kolonisation und Mikrobiom-Shift
Mehrere Studien zeigen, dass oral verabreichte Lactobacillus-Stämme (z. B. L. rhamnosus, L. reuteri, L. acidophilus) die Vagina tatsächlich erreichen und dort die Flora stabilisieren können. In einer aktuellen Untersuchung verbesserte sich die Dysbiose bei 60 % der Frauen mit hohem Nugent-Score* nach sechs Wochen – begleitet von einem deutlichen Anstieg der Lactobacillus-Abundanz und einer Abnahme der Alpha-Diversität, einem Marker für mikrobielle Stabilität [1,3-5].
Metabolische Effekte: Laktat als Schlüssel
Laktobazillen produzieren Laktat und senken damit den vaginalen pH-Wert – ein zentraler Schutzmechanismus gegen Gardnerella, Prevotella und andere anaerobe Keime. Wasserstoffperoxid (H₂O₂) wird ebenfalls gebildet, spielt in vivo aber vermutlich nur eine ergänzende Rolle. Entscheidend ist die Kombination aus niedrigem pH, Laktat und lokalen mikrobiellen Interaktionen [1,3,4].
Immunmodulation
Laktobazillen wirken nicht nur antimikrobiell, sondern auch immunmodulierend. Sie reduzieren proinflammatorische Signale wie Interleukin 1β (IL-1β) und stabilisieren damit die epitheliale Barriere. Dysbiotische Community State Type IV (CST-IV)-Muster2 hingegen sind mit verstärkter Entzündungsaktivität assoziiert [1,3].
Konkurrenz und Anti-Biofilm-Effekte
Durch Besetzung von Adhäsionsstellen und Verbrauch von Nährstoffen verdrängen Laktobazillen Keime, die mit bakteriellen Vaginosen in Zusammenhang stehen. Gleichzeitig erschweren sie die Reetablierung von Gardnerella-dominierten Biofilmen – ein wichtiger Aspekt angesichts der hohen Rezidivraten [4].
Enterovaginale Transmission
Ein bemerkenswerter Befund: Oral eingenommene Probiotika können über den Gastrointestinaltrakt und die perianale Region in die Vagina gelangen. Dieser Mechanismus erklärt, warum auch orale Präparate die Vaginalflora beeinflussen können [4].
Fazit
Probiotika wirken multimodal: Sie kolonisieren, senken den pH-Wert, modulieren das Immunsystem und verdrängen pathogene Keime. Damit bieten sie einen vielversprechenden Ansatz, die vaginale Eubiose zu stabilisieren – sowohl präventiv als auch im Rahmen einer medikamentösen Therapie (Abb. 3) [4].
[1] Lehtoranta L, Ala-Jaakkola R, Laitila A, Maukonen J. Healthy Vaginal Microbiota and Influence of Probiotics Across the Female Life Span. Front Microbiol. 2022 Apr 8;13:819958. doi: 10.3389/fmicb.2022.819958. PMID: 35464937; PMCID: PMC9024219.
[2] Kwon MS und Lee HK. Host and Microbiome Interplay Shapes the Vaginal Microenvironment. Front. Immunol. 2022;13:919728
[3] Miko E; Barakonyi A. The Role of Hydrogen-Peroxide (H2O2) Produced by Vaginal Microbiota in Female Reproductive Health. Antioxidants (Basel). 2023 May 6;12(5):1055. doi: 10.3390/antiox12051055. PMID: 37237921; PMCID: PMC10215881.
[4] Ansari A, Son D, Hur YM, Park S, You Y-A, Kim SM, Lee G, Kang S, Chung Y, Lim S, et al. Lactobacillus Probiotics Improve Vaginal Dysbiosis in Asymptomatic Women. Nutrients. 2023; 15(8):1862. https://doi.org/10.3390/nu15081862
[5] Bacterial Vaginosis: Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG. S2k-Level, AWMF Registry No. 015/028, June 2023. Geburtsh Frauenheilk 2023; 83: 1331–1349.