„Entspannt Euch, fahrt in den Urlaub, dann klappt es auch mit dem Wunschkind.“ – solche Sätze hören viele Paare, die versuchen, schwanger zu werden. Und irgendwie muss ja auch etwas dran sein, schließlich hört man doch immer wieder, dass das Wunschkind im Urlaub, also wenn die Entspannung bei vielen am größten ist, gezeugt wurde. Doch kann Stress wirklich die Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch sein? Wir haben uns den Stand der Wissenschaft zum Thema Stress und Kinderwunsch einmal genauer angeschaut.
Unerfüllter Kinderwunsch durch zu viel Stress?
In vielen Kinderwunsch-Ratgebern liest man immer wieder, dass Stress eine Ursache dafür sein kann, warum es mit der Schwangerschaft nicht klappt. Doch stimmt das wirklich? Kann sich Stress auf die Fruchtbarkeit auswirken?
Kinderwunsch und Stress: Das sagt die Wissenschaft
Es gibt tatsächlich Studien, die einen Zusammenhang zwischen Stress und der Chance, schwanger zu werden, belegen. Eine der bekanntesten Studien dazu stammt aus 2014. Bei Frauen, die die höchsten Werte des Stressproteins Alpha-Amylase im Speichel aufwiesen, war die Chance auf eine Schwangerschaft um rund 30 Prozent minimiert.
In der gleichen Studie wurde auch der Cortisol-Spiegel gemessen. Cortisol ist besser bekannt als Stresshormon. Das Ergebnis: Der Cortisol-Spiegel war nicht erhöht. Die Forschenden schreiben, dass sie keinen Zusammenhang zwischen einem erhöhten Cortisol-Spiegel und einer verminderten Fruchtbarkeit sehen. Ein ähnliches Fazit geht aus einer Übersichtsarbeit aus 2023 hervor, im Rahmen derer 16 Studien zum Thema Cortisolspiegel und Fruchtbarkeit analysiert wurden. Es gab keinen eindeutigen Beleg dafür, dass Cortisol bei unfruchtbaren PatientInnn signifikant erhöht ist.
Stress: keine alleinige Ursache für unerfüllten Kinderwunsch
Vielleicht hast Du schon mal etwas von Leitlinien in der Medizin gehört. Sie geben Empfehlungen, wie eine Erkrankung festgestellt und behandelt werden sollte. Für Ärztinnen und Ärzte sind sie eine wichtige Unterstützung für die Diagnose und Behandlung von Krankheiten. So eine Leitlinie gibt es auch zum Thema Unfruchtbarkeit („Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen“). Daraus geht hervor, dass es keine größeren Studien gibt, die belegen, dass Stress eine alleinige oder wesentliche Ursache dafür ist, dass es mit dem Kinderwunsch nicht klappt. Auch konnte bei IVF-Behandlungen kein direkter Einfluss von Stress auf das Schwangerwerden belegt werden.
Das bedeutet nicht, dass es keinen Zusammenhang zwischen Stress und unerfülltem Kinderwunsch gibt. Er kann durchaus eine Schwangerschaft erschweren, doch eher indirekt und eben nicht alleinig bzw. wesentlich.
Wann ist die Rede von unerfülltem Kinderwunsch?
Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht man dann von einem unerfüllten Kinderwunsch, wenn es einem Paar nach einem Jahr regelmäßigen und ungeschützten Geschlechtsverkehr nicht gelingt, ein Kind zu zeugen.
Übrigens: Pro Zyklus liegt die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zwischen 20 und 30 Prozent, mit 35 Jahren sogar nur noch bei 15 Prozent.
Stress kann indirekt die Schwangerschaft beeinflussen
Zwar ist Stress laut aktuellem Stand der Wissenschaft kein wesentlicher Grund für einen unerfüllten Kinderwunsch. Doch ganz außer Acht lassen solltest Du das Thema nicht, wenn Du schwanger werden möchtest. Vor allem chronischer, also anhaltender Stress, kann zu ungesunden Gewohnheiten führen, die sich ungünstig auf das Schwangerwerden auswirken können.
Stehen wir unter Stress, kann es zum Beispiel sein, dass wir:
- ungesünder essen: Chronischer Stress wirkt sich bei vielen auf das Essverhalten aus. Belgische Forschende haben herausgefunden, dass wir in stressigen Zeiten mehr und ungesünder essen, also zu süß, zu fett und zu kalorienreich. Einigen schlägt Stress aber auch auf den Magen und sie essen weniger bzw. viel unregelmäßiger. Eine gute Versorgung mit Nährstoffen ist jedoch ein wichtiger Baustein für die Fruchtbarkeit. Das zeigt auch eine Studie aus 2018. Daraus geht hervor, dass eine vollwertige, gesunde Ernährung sich positiv auf die Fruchtbarkeit auswirken kann.
- mehr Genussmittel wie Alkohol und Zigaretten konsumieren: Beides kann sich negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken.
- intensiver Sport treiben: Für einige Menschen ist das Auspowern beim Sport ein wichtiges Ventil, wenn sie unter Stress stehen. Dieser kann sich jedoch negativ auf die weibliche Fruchtbarkeit auswirken, wenn wir ihn zu intensiv betreiben. Eine norwegische Studie zeigt, dass sportlich sehr aktive Frauen aufgrund eines meist unregelmäßigen Zyklus ein erhöhtes Risiko haben, unfruchtbar zu werden.
- weniger Sex haben: Viele Paare haben schlichtweg weniger Lust auf Sex, wenn sie unter Stress stehen. Stress kann auch zu mehr Streit in der Beziehung führen. Auch das schmälert oft die Lust auf Sex.
Gesunder Lebensstil: Wichtig für alle Kinderwunsch-Frauen
Stress ist ein Faktor, den wir nie ganz vermeiden können. Doch wichtig ist, einen Weg zu finden, wie wir Stress abbauen können. Kürzere Stressphasen können wir meist sehr gut kompensieren. Hält der Stress jedoch an, sprich, wird er chronisch, fällt uns das immer schwieriger. Häufig schleichen sich zudem ungesündere Gewohnheiten ein, wovon Du bereits einige kennengelernt hast.
Wir haben ein paar Tipps zusammengestellt, die Dir dabei helfen, einen gesunden Lebensstil zu führen:
- Finde Möglichkeiten zur Entspannung, die Dir guttun.
- Bewege Dich regelmäßig, übertreibe es aber nicht mit dem Sport.
- Verzichte auf Alkohol und Zigaretten.
- Ernähre Dich ausgewogen und gesund mit vielen frischen Lebensmitteln. Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen bilden eine ideale Basis. Ergänze diese Lebensmittel täglich um Milchprodukte. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt zudem ein- bis zweimal die Woche Fisch und kleine Mengen Fleisch (max. 300 g pro Woche).
- Geht das Thema Sex als Paar nicht zu verbissen an, sondern habt Spaß an der Zweisamkeit.