Jeder Atemzug, all unsere Bewegungen und Sinneseindrücke sind nur möglich, weil unser Nervensystem ununterbrochen für uns arbeitet. In Windeseile leiten Milliarden von Nervenzellen unbemerkt Informationen aus dem peripheren Nervensystem an das Gehirn weiter und übermitteln dessen Befehle an die Muskeln unseres Körpers. Doch manchmal gerät das perfekt koordinierte Zusammenspiel ins Wanken. Eine leichte Berührung wird zum stechenden Schmerz, die Gliedmaßen kribbeln oder ein Taubheitsgefühl macht sich breit.
Wenn die Nerven verrücktspielen, kann eine Schädigung der „Gefühlsfasern“ des peripheren oder zentralen Nervensystems dahinterstecken. Rund 6,9-10 Prozent der Bevölkerung sind von sogenannten neuropathischen Schmerzen betroffen. Die Gründe der Nervenschädigung sind vielfältig, ebenso wie die Art der Symptome und die Körperbereiche, in denen sie auftreten. Wir haben die wichtigsten Fakten einmal zusammengefasst und verraten Dir, was Du tun kannst, um Nervenschmerzen zu lindern.
Was sind Nervenschmerzen?
Nervenschmerzen, medizinisch auch als neuropathische Schmerzen bezeichnet, sind meist starke Schmerzen, aber auch neurologische Ausfälle wie Empfindungsstörungen (Taubheit, Kribbeln etc.) oder Muskelfehlfunktionen können auftreten. Sie entstehen infolge einer Schädigung oder Erkrankung der sogenannten somatosensorischen Nervenstrukturen mit nachfolgender Aktivierung der Schmerzbahn. Diese umfassen Nerven, die Informationen von Haut-, Gelenk-, und Muskelrezeptoren vermitteln und insbesondere der Wahrnehmung von Druck, Berührung, Temperatur und Schmerz dienen.
Zentrale vs. periphere Neuropathie
Je nachdem, ob Nerven des zentralen Nervensystems (ZNS) oder des peripheren Nervensystems (PNS) geschädigt sind, unterscheidet man zwischen zentraler Neuropathie und peripherer Neuropathie. Zentrale Schmerzen entstehen infolge von Schädigungen (Läsionen) oder Erkrankungen des Gehirns oder Rückenmarks. Dazu gehören beispielsweise Hirninfarkte, Rückenmarksverletzungen, Tumoren sowie entzündliche Erkrankungen des ZNS (z. B. Multiple Sklerose).
Die periphere Neuropathie betrifft Nerven außerhalb des zentralen Nervensystems, also solche, die vom Gehirn und Rückenmark abgehen und die Peripherie, also Extremitäten, Sinnesorgane und innere Organe, versorgen. Dabei kann sie nur einen peripheren Nerv ursächlich betreffen (sogenannte Mononeuropathie), an mehreren Körperbereichen gleichzeitig vorkommen (multifokale periphere Neuropathie) oder generalisiert (d. h. an vielen Nerven des peripheren Nervensystems) in Erscheinung treten. Letzteres wird als Polyneuropathie bezeichnet und ist häufig die Folge von einer Erkrankung des Stoffwechsels wie Diabetes mellitus, bestimmten Medikamenten, Vitaminmangel (z. B. VitaminB12) oder Toxinen (z. B. Umweltgifte, Alkohol).
Schmerz ist nicht gleich Schmerz – wie sich Nervenschmerzen von anderen Schmerzen unterscheiden
Auch wenn jegliche Form von Schmerzen unangenehm ist und die Lebensqualität der Betroffenen zum Teil erheblich beeinträchtigt, so ist die Entstehung von Schmerzen recht unterschiedlich. Während bei den peripheren Nervenschmerzen die Nervenstrukturen geschädigt sind, ist bei sogenannten nozizeptiven Schmerzen das Nervensystem intakt.
Das Schmerz- bzw. Reizsignal kommt in diesem Fall also nicht von den geschädigten Nerven selbst, sondern wird von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren), die als freie Nervenendigungen der sensiblen Nervenzellen in allen schmerzempfindlichen Geweben des Körpers vorkommen, wahrgenommen und ans Zentralnervensystem weitergeleitet.
Schmerzrezeptoren können durch chemische, mechanische oder thermische Stimuli gereizt werden. Sie dienen physiologisch gesehen dazu, uns vor Gewebeschädigungen zu warnen. Daher ziehen wir zum Beispiel unsere Hand reflexartig von der heißen Herdplatte zurück.
Nozizeptoren können aber auch durch Entzündungen oder andere krankhafte Gewebsveränderungen gereizt werden. In diesem Fall ist der Schmerz ein wichtiges Symptom, um uns zu einem Verhalten zu zwingen, das die Heilung unterstützt. Dank der Schmerzwahrnehmung schonen wir unseren Fuß, wenn wir ihn uns vertreten haben oder legen uns ins Bett, wenn die Kopfschmerzen unerträglich sind.
Nozizeptive Schmerzen treten aber nicht nur akut durch Verletzungen oder medizinische Eingriffe auf. Sie können auch chronisch werden. Dies ist häufig dann der Fall, wenn die Schmerzrezeptoren durch andauernde Entzündungen umliegender Gewebe gereizt werden, wie z. B. bei Arthrose oder Rheuma. Nozizeptive Schmerzen treten zudem häufig als Bestandteil von chronischen Rückenschmerzen auf. Hier sind aber auch Mischungen verschiedener Schmerztypen, die durch eine nozizeptiven und eine neuropathische Schmerzkomponenten gekennzeichnet sind, möglich. Dieser Schmerz wird daher auch als „mixed pain“ bezeichnet. Ein typisches Beispiel sind Rückenschmerzen infolge eines Bandscheibenvorfalls.
Seit 2017 werden die Schmerzkategorien zudem um den sogenannten noziplastischen Schmerz ergänzt. Dieser entsteht durch eine veränderte Wahrnehmung des Schmerzreizes, ohne dass dabei eine Gewebsschädigung droht oder besteht. Ein Beispiel für noziplastische Schmerzen ist der „Faser-Muskel-Schmerz“, die Fibromyalgie.
Neuropathie, Neuralgie & Neuritis – Wo liegt der Unterschied?
Der Begriff Neuropathie umfasst verschiedene Erkrankungen, bei denen eine Schädigung der Nerven vorliegt. Dazu zählen die Nervenentzündung, die medizinisch als Neuritis bezeichnet wird, sowie Nervenverletzungen. Neuropathische Schmerzen sind demnach Schmerzen, die aufgrund erkrankter oder beschädigter Nerven auftreten. Zu den neuropathischen Schmerzsyndromen gehört die Neuralgie, welche durch sehr starke, oft anfallsweise auftretende Schmerzen im Versorgungsgebiet eines peripheren Nervs oder einer Nervenwurzel ohne sensible oder motorische Ausfallserscheinungen definiert ist.
Auslöser und Ursachen von Nervenschmerzen: So entstehen neuropathische Schmerzen
Ein Nervenschmerz tritt niemals grundlos auf. Die genaue Ursache herauszufinden ist aber häufig nicht einfach. Denn neuropathische Schmerzen können vielfältige mögliche Ursachen haben. Neben mechanischen und toxischen Ursachen sind es vor allem entzündliche und stoffwechselbedingte Einflüsse, die den Nerv schädigen und schließlich zum Nervenschmerz führen. Wir haben wichtige Ursachen einmal aufgelistet:
Nervenkompression
Da periphere Nerven u. a. unsere Extremitäten versorgen, müssen sie viele anatomische Engstellen passieren. Kommt es in diesen Bereichen dann zu Wassereinlagerungen oder anderen Veränderungen, die die Engstellen noch schmaler werden lassen, kann der dort liegende Nerv zusammengedrückt werden. Der daraus resultierende Nervenschmerz strahlt häufig in die angrenzenden Körperbereiche aus und kann mit Taubheitsgefühlen, Kribbeln, muskulärer Schwäche oder einem verminderten Feingefühl einhergehen.
Das Karpaltunnelsyndrom, das durch Einengung des Mittelarmnervs im Handgelenkbereich entsteht, ist ein typisches Beispiel, genauso wie die Trigeminusneuralgie. Sie wird häufig durch eine abnormal verlaufende Arterie, die auf den Gesichtsnerv drückt, hervorgerufen und verursacht blitzschnell auftretende, unerträglich stechende Schmerzen in der unteren Gesichtshälfte. Zudem können auch Tumore Nerven einengen und beschädigen.
Diabetes mellitus
Studien zufolge leidet jeder zweite Patient mit Typ 2 Diabetes im Laufe seines Lebens an diabetischen Nervenschäden, die durch langfristig hohe Blutzuckerwerte ausgelöst werden. Insbesondere in den Füßen kommt es zu einer gestörten Reizempfindung und Nervenschmerz. Es wird zudem diskutiert, dass bei Typ 2 Diabetikern auch Störungen des Fettstoffwechsels eine ursächliche Rolle bei der Polyneuropathie spielen können.
Vitaminmangel
Häufig unterschätzt wird der Effekt eines Vitaminmangels auf unsere Nervenstrukturen. Insbesondere eine unzureichende Versorgung fast aller B Vitamine (v. a. ein Vitamin-B1-Mangel und/oder Vitamin-B12-Mangel) kann zu empfindlichen neurologischen Störungen und Nervenschmerzen führen, da diese Vitamine in vielfältige Prozesse des Nervenstoffwechsels und des Nervenaufbaus involviert sind.
Symptome von Nervenschmerzen: So äußern sich neuropathische Schmerzen
Beim Begriff „Schmerz“ denken sicherlich die meisten von uns an ein unangenehmes stechendes, elektrisierendes oder bohrendes Gefühl. Neuropathische Schmerzen können sich aber auch in Form von Missempfindungen oder Gefühlsstörungen äußern. Im Rahmen der Diagnostik wird daher zwischen sogenannten Positiv- und Negativsymptomen unterschieden.
Positivsymptome lassen Betroffene alles andere als positiv stimmen, denn sie sind oft unerträglich und gehen mit einer Übererregbarkeit der Nervenzellen einher. Betroffene mit Polyneuropathie berichten beispielsweise häufig von einem Kribbeln in den Händen, Füßen und Beinen, das manchmal als „Ameisenlaufen“ beschrieben wird (med.: Parästhesie).
Hinzu kommen Taubheits- und Pelzigkeitsgefühle (sogenannte Dysästhesie), die manchmal ein Handschuh- oder strumpfförmiges Verteilungsmuster zeigen und die Feinmotorik oder das Tastvermögen deutlich einschränken können.
Darüber hinaus leiden Polyneuropathie Patienten oftmals unter übermäßig brennenden oder nadelstichartigen Schmerzen. Besonders nachts wird dann ein normalerweise nicht schmerzhafter Reiz auf der Haut (z. B. die Bettdecke) als unerträglicher Schmerz wahrgenommen (med.: Allodynie).
Neben den Berührungs- und Schmerz-Missempfindungen gehören auch Juckreiz und paradoxe Temperaturempfindungen zu den Positivsymptomen. Hier reagiert der Patient oder die Patientin bei Berührung der Haut mit kalten oder warmen Gegenständen mit übermäßigen schmerzhaft brennenden Empfindungen (med.: Hyperalgesie).
Im Gegensatz zu den Positivsymptomen werden bei den Negativsymptomen weniger Signale an das Gehirn weitergeleitet. In der Folge spüren Menschen mit Neuropathien Berührungen, Temperaturunterschiede oder Schmerzreize weniger als bei intakten Nervenstrukturen. In der Medizin ist dann von Hypästhesie bzw. Hypalgesie die Rede. Da der Patient oder die Patientin die Negativsymptome manchmal gar nicht wahrnimmt, erschweren sie häufig die Diagnostik von Neuropathien.
Patienten mit Mixed Pain Syndromen wie Rückenschmerzen, erleiden neben den o. g. neuropathischen Komponenten auch noch den „normalen“, hellen, stechenden Schmerz, den wir von Verletzungen her kennen.
Diagnose von Nervenschmerzen: So können neuropathische Schmerzen festgestellt werden
Um herauszufinden, um welche Art des Schmerzes es sich handelt, ist es zunächst einmal wichtig, das Schmerzempfinden genau zu beschreiben. Mediziner:innen nehmen zur Diagnose gern Schmerz-Tagebücher oder Schmerzskalen zur Hilfe, anhand derer der:die Patient:in Intensität, Häufigkeit, Art und Ort des Schmerzes dokumentieren kann.
Daneben wird in einem ausführlichen Anamnesegespräch die Krankenvorgeschichte erfasst, sodass Vorerkrankungen, die zur Ausprägung neuropathischer Schmerzen führen können, identifiziert werden. Gleichzeitig erfolgt eine körperliche Untersuchung, im Rahmen derer Neurolog:innen auch die Sinneswahrnehmungen der Patient:innen, deren Reflexe, Mimik, Sprache, Koordination und Beweglichkeit prüfen.
Weitere Verfahren zur Diagnose umfassen moderne bildgebende Verfahren wie die Computer- oder Magnetresonanztomographie, die Analyse der Leitfähigkeit verschiedener Nervenbahnen nach Reizung (sog. evozierte Potentiale) sowie eine Reihe von Labortests, z. B. zur Bestimmung von Entzündungsparametern oder Antikörpern.
Mithilfe der Elektromyographie (Bestimmung der Muskelerregung) und Elektroneurographie (Messung der Nervenleitgeschwindigkeit) können Neurolog:innen zudem bestimmen, ob neuropathische Schmerzen auf ein Problem mit dem Muskel oder Nerv zurückzuführen sind und in welchem Körperbereich sich die Störung befindet.
Therapie von Nervenschmerzen: So werden neuropathische Schmerzen behandelt
Die Therapie von Nervenschmerzen ist oftmals sehr schwierig und eine vollständige Schmerzfreiheit wird nur selten erreicht. Die Behandlung dient daher in erster Linie der Linderung von Beschwerden, um die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen.
In den Leitlinien der Deutschen Schmerzgesellschaft werden folgende Behandlungsziele bei Nervenschmerzen ausgesprochen:
- eine Schmerzminderung um mindestens 30 Prozent
- eine Verbesserung der Schlafqualität
- eine Verbesserung der Lebensqualität
- der Erhalt der sozialen Aktivitäten und Beziehungen
- der Erhalt der Arbeitsfähigkeit
Um diese Ziele zu erreichen, steht meist eine individuell abgestimmte medikamentöse Therapie im Vordergrund. Sofern möglich, sollte die Behandlung auch darauf abzielen, die Ursache der Neuropathie zu korrigieren, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.
Bei der diabetischen Polyneuropathie stehen hier z. B. das Blutzuckermanagement und Lebensstiländerungen im Vordergrund. Daneben stehen eine Reihe von nicht-medikamentösen Optionen zur Verfügung, die das Behandlungskonzept abrunden können.